Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Date
- 1903-10-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und von LEO WINZ. Schriftsteilern Bezugs- und Insertioris-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 10 Oktober 1903 III. Jahrg. MEINE EINDRUECKE VOM Von Dr. Er Wer in eine Versammlung gehen oder einen Kongress besuchen will, der muss sich von vornherein sagen, dass für die hier zu fassenden Beschlüsse nicht so sehr der Verstand, als vielmehr das Gefühl der Anwesenden der massgebende Faktor ist. Es ist dies umso mehr der Fall, je mehr sich die einzelnen Mitglieder der Versammlung nach Bildung, Wissen, Anschauung und Erfahrung von einander unterscheiden; je geringer das Gemeinsame an Verstandesmässigem ist, umsomehr tritt die Sphäre des Gefühls in ihr Recht, denn das Gefühl ist primitiver als das Denken, und das Gefühlsleben der Menschen einander wesentlich ähnlicher, als das Verstandesleben. Daher werden grosse Massen immer nur durch Gefühle gelenkt. Selbst geistig hochstehende Persönlichkeiten können sich dem suggestiven Einfluss der Masse nicht entziehen. Diese Tatsache kleidet Schiller in die etwas unhöfliche Form: Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig, Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus. Mit ähnlichen Gedanken fuhr ich zum Kongress nach Basel: Soll es wirklich möglich sein, dass so heterogene Elemente, heterogen in Bezug auf Kultur, soziale Stellung, religiöses Empfinden, wissenschaftliche Bildung u. s. w., Beschlüsse fassen können, die dem kühl abwiegenden Verstände entspringen? Wird vielleicht hier das allgemeine psychologische Gesetz, dass Versammlungsbeschiüsse Kinder des Gefühls zu sein pflegen, zu Schanden werden, wo so viel Skepsis, so viel kritische Schärfe zusammenkommen? Ich muss offen gestehen, dass mich namentlich in den ersten Tagen des Kongresses diese psychologische Frage nach VI. ZIONISTEN-KONGRESS. nst Tuch. x, . , . , . Nachdruck verboten. dem Wesen der Versammlung mehr fesselte, als das Wesen der zur Verhandlung stehendenden Gegenstände; erst allmählich geriet ich ins Feuer für die in Frage stehenden Dinge selbst. Um es kurz zu sagen: Der Kongress hat jenes psychologische Gesetz der Massenwirkung und der Massenbeeinflussung in geradezu klassischer Weise bestätigt. Hier hatte sich eine Menge Begeisterter zusammengefunden, um sich und andere zu berauschen an dem Zusammenbrausen der Gefühle, die sie sonst in kleinerem Kreise oft in hartem Kampf und unter persönlicher Anfeindung zu verteidigen haben. Man sah es den einzelnen an, wie glücklich sie sich fühlten unter tausendenGleichgesinnten, wie die einen froh den herrlichen Momenten entgegensahen, in denen ihnen aus dem beredten Munde ihrer Führer, das ihnen Heiligste als anerkannte Wahrheit in seinein Siegeslauf vorgeführt werden würde, und wie den anderen nicht schnell genug der Augenblick herankam, wo sie selbst oben auf der Tribüne sprechen und hinreissen wollten. Als ich am Sonntag, den 23. August, früh den bis auf den letzten Platz gefüllten grossen Saal des Baseler Casinos betrat, da war ich mir im selben Augenblick klar, dass man hierher nicht um der Wahrheit, selbst der bitteren und ernsten Wahrheit, willen gekommen war, sondern um der Begeisterung willen, ich fühlte instinktiv die gewaltige elektrische Spannung der Gemüter, die nur der Entladung harrte, um das Haupt des Führers mit strahlender Fuhkengloriole zu umgeben. Und so kam es. Dr. Herzl, bei seinem Erscheinen mit stürmischem Beifall begrüsst, hält seine Eröffnungsrede. Vorsichtig referierend, berichtet er über sein und des Aktions-Komitees Tätigkeit seit dem letzten Kongress;