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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 645 - 646

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Aphorismen
Date
1903-09-01
Page
Seite 645 - 646 (sequence 2)
Language
German
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645 -der Elektra, welcher an Schönheit den ersten Monolog der Iphigenie weit übertrifft, heisst es: „0 heiliges Land und erdumgürtete Luft". Ihr Gesichtspunkt reichte also nicht über den eigenen Horizont hinaus. Der Prophet Jeremias wird jedoch zum „Nabi hagojim", zum Propheten aller Nationen, berufen. * * * Welches ist der innerste Grund für diese beispiellose Zähigkeit der Juden? Nun, die Geschichte giebt uns Antwort: es ist die Kontinuität des Geistes, die stetige Ueberlieferung des Geistes von Geschlecht zu Geschlecht. Noch heute, nach so vielen tausend Jahren, segnet der jüdische Familienvater oder die Mutter die Kinder mit den Worten: „Gott lasse dich werden wie Ephraim und Manasse", mit diesem uralten Segen des Patriarchen Jakob. Als Boas die Ruth heiratete, kommen seine Freunde und beglückwünschen ihn mit den Worten: „Es möge werden dein Haus wie das Haus des Perez", eine Geschichte, welche über 1500 Jahre zurück spielt. * * •* Im Talmud findet sich folgende dunkle Stelle: Rabbi Gamliel, der Sohn Jehudas Hanasi, sagte: „Wer sich mit öffentlichen Dingen beschäftigt, tut es um der Sache willen, und das Verdienst der Väter stehe ihm bei. Ich sichere euch grossen Lohn, als ob ihr es selbst getan habt." Was bedeutet diese Stelle? Der Talmud spricht hier von der Kulturarbeit, welche um ihrer selbst willen ausgeübt werden muss. In der Kultur giebt es keinen sprungweisen Fortschritt. Alles muss auf Ueberlieferung aufgebaut werden. Das heisst: Und das Verdienst der Väter steht ihnen bei. Aber auch in späterer Zeit werden andere kommen, welche auf die von euch gewonnenen Resultate weiter arbeiten werden. Dies meint der Talmud mit den Worten: Und ich sichere euch grossen Lohn, als ob ihr es getan habt; man wird eurer gedenken. Also auch hier finden wir das stete Fortschreiten der geistigen Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht. Aber, wird man fragen, findet sich diese Kontinuität des Geistes nicht auch bei anderen Völkern? Ein Beispiel möge genügen. Die Deutschen gelten heute mit Recht als das erste Kulturvolk der Welt, und bekanntlich erlebte die deutsche Litteratur im 12. und 13. Jahrhundert ihre erste Blütezeit. Wer kennt heute nicht Dichter wie Wolfram und 646 Eschenbach, Walter von der Vogelweide und Gottfried von Strassburg? Und doch, vor 150 Jahren waren in ganz Deutschland nicht drei Männer, welche etwas von diesen Dichtern wussten, und nicht einer war imstande, ihre Gedichte zu lesen. Erst in unserem Jahrhundert ist der historische Sinn rege geworden. * * * Höchst bezeichnend für die Charakteristik der verschiedenen Völker sind auch ihre Erzählungen von der Herkunft ihrer Gründer. Bei allen Nationen schwebt der Begründer in Lebensgefahr, wahrscheinlich wollte man damit sein Ansehen erhöhen. Bei den Römern wird der dem Tode preisgegebene Stammheros von einer Wölfin gerettet. Diese römische Nation hat den Wolfscharakter in ihrer ganzen Geschichte beibehalten; und der fast verhungernde Gründer der sanften, ruhigen, griechischen Nation wird von der sanften Ziege gesäugt. Auch der Begründer der jüdischen Nation, Mose, schwebt in Lebensgefahr. Aber wer ist es, der ihn vom Verhungern rettet? Seine eigene Mutter ist es, die ihn aufzieht. Ist hier nicht die ganze Eigentümlichkeit des jüdischen Volkes, sein von allen Seiten anerkannter bedeutender Familiensinn angedeutet? * * * Und nun zum Schluss sei noch auf eine Tatsache hingewiesen. Bei fast allen Völkern finden wir die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, welches einmal gewesen. Auch bei den Juden findet sich diese Vorstellung in der biblischen Erzählung vom Garten Eden ausgedrückt. Aber in der ganzen Litteratur, bei keinem Propheten und bei keinem Psalmisten, wird wieder auf dieses Paradies zurückgegriffen. Dagegen ist in der Litteratur der Propheten und Psalmisten wohl von einem goldenen Zeitalter später die Rede, aber, und dies ist das Charakteristische, das Paradies liegt nicht in der Vergangenheit, sondern wird in der Zukunft erstehen. Eine weitere Eigentümlichkeit dieses goldenen Zeitalters ist es, dass es nicht nur die eigene Volksgemeinschaft, sondern die ganze Menschheit umfassen wird. So finden wir beim Judentum den Gedanken der Universalität, getreu seiner Bestimmung, sowohl am Anfang, wie am Ende ausgedrückt. Notizen nach einem Vortrage des Völkerpsychologen Prof. Dr. M. Lazarus (S"7). Aphorismen.

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