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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 643 - 644

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Ein junger jüdischer Tondichter
Date
1903-09-01
Page
Seite 643 - 644 (sequence 1)
Language
German
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643 644 EIN JUNGER JUEDISCHER TONDICHTER. Von Leo Heller. Unsere heutige Nummer bringt als Musikbeilage ein Ghetto. Lied von James Rothstein, einem unserer begabtesten jung-jüdischen Komponisten. Das tiefempfundene, sich an altsynagogale Weisen enganschmiegende Lied, dessen Text der volitönigen, gedanken- und formreichen Gedichtsammlung, „Tage und Nächte" von Adolph Donath (Wien) entstammt, betitelt sich: „War ein stilles, kleines Haus" und stellt das erste von drei den Cyklus „Judenlieder" bildenden Gesängen dar. Diese musikalische Spende Rothsteins, gibt mir denn auch heute Gelegenheit, einiges mehr über das Leben und Wirken eines vollwertigen und dabei bescheidenen Künstlers zu sagen. James Rothstein wurde am 23. November 1871 zu Königsberg in Preussen «geboren. Nach Absolvierung seiner Studien am Leimer'schen Konservatorium bezog er die „Akademische Meisterschule" zu Berlin, woselbst keine geringeren als Woldemar Bargiel und Max Bruch auf das Talent des jungen Mannes aufmerksam wurden. Unter Max Bruchs fürsorglicher Leitung begann Rothstein zu komponieren. Innerhalb 15 Jahren, ein in Bezug auf die reiche Ernte fast kurz zu nennender Zeitraum, entstanden in knapper Aufeinanderfolge mehr als 100 Lieder und Gesänge, von welchen bisher mehr als 50 im Druck erschienen sind, ferner ein Männerchorwerk mit Orchester, Klavier-Sonaten, ein Klavier- Trio, ein durch das Waldemar Meyer-Quartett wiederholt zur Aufführung gelangtes und mit starkem Beifall aufgenommenes Streichquartett und ein abendfüllendes heiteres Opernwerk „Ariadne auf Naxos". Wie so vielen strebenden Talenten, wurden auch Rothstein mit der Begründung des „Bunten Theaters" die Pforten zur Popularität geöffnet. Was bis dahin nur auf einen relativ kleinen Kreis von Interessenten beschränkt geblieben war, fand nun plötzlich einen Weg zum Forum der Oeffentlichkeit, und da offenbarte es sich, dass James Rothsteins Kunst, so subtil und. vornehm gehalten sie auch ist, keineswegs ihre Wirkung auf ein breites, bildungsfähiges Publikum verfehlt. Jedenfalls besass das „Bunte Theater" neben Oscar Straus und Bogumil Zepler in James Rothstein einen seiner originellsten Komponisten, der, mit feinen Mitteln arbeitend, stets die Grundbedingung des echten Künstlers, die eigene Note, mit sich führte. Der kurze Jubelrausch, dessen sich das „Bunte Theater" vor seinem plötzlichen Hinscheiden zu erfreuen hatte, war indessen für James Rothstein genügend, um sich einen festen, unverrückbaren Platz in der Reihe unserer bedeutendsten Tonsetzer zu sichern. Rothsteins Musik hat heute zahlreiche Freunde gefunden, die ihre Vorzüge zu lieben und zu schätzen wissen und auch die sympathische Persönlichkeit des Autors in gebührendem Masse zu würdigen verstehen. APHOF Ich muss hier ein doppeltes Bekenntnis ablegen: erstens, dass ich Begründer der Völkerpsychologie,\ind ferner, dass ich ein Jude sei. Das letztere ist kein Zufall, denn beides gehört zusammen: Nur auf dem Boden des Judentums konnte die Völkerpsychologie entstehen, welche nicht wie sonst nur den einzelnen Menschen, sondern das ganze Volk in den Kreis ihrer Betrachtungen zieht, ja über das eigene Volk hinausgeht. Alle Völker des Altertums, insbesondere die klassischen, betrachten in ihren Legenden und Allegorien nur die eigenen Völker, die anderen Nationen sind für sie stumm, welches ja die eigentliche Bedeutung des Wortes „Barbaren" ist. Etwas anderes ist es im Judentum. Die Aufstellung einer Völkertafel ist schon ein bedeutendes völkerpsychologisches Faktum; noch bedeutender ist der Ausspruch Genesis 5, 1: „Dies ist die Geschlechtsfolge des Adam." ISMEN. Mit Recht sagt der Talmudlehrer Ben Asai, dass dieser Ausspruch weit über den Grundsatz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" geht, dass es eine Menschheit giebt, dass sie einen Schöpfer hat, dass ist das grosse völkerpsychologische Faktum,, dies ist der grosse Fortschritt gegenüber dem Barbarentum der Griechen. * * * Alle Götteranschauungen hatten den Fehler, dass sie den Göttern nur eine lokale Macht zuschrieben. Bei den Griechen war Pallas Athene in ihrer Macht nur auf Athen beschränkt und bei den Römern waren es die „Penaten", Hausgötter, deren Macht sogar über die Jupiters ging. Dagegen wandte sich das Judentum. Der Prophet Mose sagte: „Höret, Himmel, und ich will reden, und vernehme es, Erde!" Bei den Griechen im Monolog

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