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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 579 - 580

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Ost und West
Date
1903-09-01
Page
Seite 579 - 580 (sequence 2)
Language
German
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579 Fabius Schach: Ost und West. 580 sich gegenüber ihren östlichen Brüdern fremd dünken. Sie sind tatsächlich im Laufe der Geschichte einander fremd geworden, sie verstehen einander kaum. Und doch, mögen diese Gegensätze noch so tief gehen, sie berühren den Untergrund der Seele nicht. Eine Saite in ihrem Herzen reagiert auf einen gemeinsamen Ton, den Ton des Weltschmerzes, der im Innern eines jeden Juden wohnt. Und wenn der Sturm diese Saite berührt, dann ertönt ein gemeinsames Klagelied, das alte herzzerreissende Klagelied des ewigen Juden. Das eigentlich Jüdische mag in Vielen unbewusst leben, aber eines Tages wird es erwachen. Es ist eine Pflanze, die hier und dort unter anderen Bedingungen gedeiht, daher hier anders als dort aussieht und auch andere Blüten und Früchte trägt. Die eigentliche Heimat dieser Pflanze ist weder hier noch dort. Daher zeigt sie weder hier noch dort ihre natürliche Kraft und Schönheit. Zur Herrlichkeit entfalten wird sie sich erst auf heimatlichem Boden, unter natürlichen Bedingungen. * * •* Will man diese beiden Welten in ihren einander berührenden und divergierenden Punkten schildern, dann muss man die ganze innere und äussere Geschichte Israels aufrollen. In diesem Rahmen vermag ich sie nur flüchtig zu skizzieren. Im sozialen Leben können wir zuerst den Unterschied studieren. Im Osten hängt alles in der Luft, es fehlt der Boden unter den Füssen. Jäh geht es bergauf und bergab, heute reich, morgen arm. Es hängt alles vom Zufalle ab, und ein wehender Wind schafft eine ganz neue Situation und fegt tausende jüdischer Existenzen hinweg. Die Meisten leben buchstäblich von der Luft, und wenn man sie nach ihrem Gewerbe fragt, sind sie selber um die Antwort verlegen. Sie wandeln wie Schatten in allen grossen und kleinen Städten umher, stets an das Elend ihres Volkes erinnernd. „Luft" ist ihr Gewerbe und Jammer und Not ihr Los. Unter dem Heer der jüdischen"Arbeiter ist nur ein kleiner Teil im modernen Sinne brauchbar. Die meisten sind ungelernte oder schlecht ausgebildete Arbeiter. Die Einführung einer neuen Maschine, die Verwandlung eines Industriezweiges macht sie oft überflüssig und stösst sie zuerst von allen Arbeitern aus der Fabrik auf die Strasse. Dazu kommt, dass ihre allgemeine Bildung mangelhaft und ihr Klassenbewusstsein nur schwach entwickelt ist. Sie sind also auch nach dieser Richtung hin ihrem „Brotherrn'4 gegenüber wehrlos. Die selbständigen Handwerker, deren Zahl Legion ist, arbeiten noch meistens sehr primitiv, ohne maschinelle Hilfsmittel. Sie entbehren jeder rationellen Organisation und verzehren einander im kleinlichsten Konkurrenzkampfe ums tägliche Brot. Sie arbeiten gegen den Geist der Zeit, daher muss sie jeder Fortschritt zerschmettern. Die Fabrikanten — von wenigen Grossindustriellen abgesehen — sind oft ohne gründliche Sachkenntnis und nicht mit genügenden Mitteln ausgestattet. Mangel an Kredit, hoher Zins und planlose Kreditgewährung an ihre Kunden erdrücken sie und werden ihnen zum Verhängnis. Sie sind keiner Krisis gewachsen und fallen jeder neuen Konjunktur zum Opfer. Noch schlimmer sieht es mit dem Kaufmannsstande aus. Die meisten jüdischen Kaufleute des Ostens haben keine gründliche kaufmännische Ausbildung genossen, und man findet viele ehemalige Akademiker und Talmudisten darunter, die noch nicht einmal die unfähigsten sind. Sie besitzen die kühnste Unternehmungsgabe, ergreifen jede Sache mit zäher Ausdauer und sind die anspruchslosesten und arbeitsamsten unter allen Kaufleuten. Aber sie sind schlechte Rechner, vor allem wissen sie nicht, mit den sozialen Faktoren und den" wirtschaftlichen Verhältnissen zu rechnen. Ueberhaupt entbehrt das jüdische Geschäft im Osten der Beharrlichkeit, und es wird da zu oft mit den Branchen gewechselt. Heute wird an diesen, morgen an jenen Artikel gedacht. Man lässt sich vom Zufall wie ein Spielball hin- und herschleudern. Diesen sozialen Zustand kann man nur als chaotisch bezeichnen. Dazu kommen die engherzigen Bestimmungen der Gesetze, die unglaublichsten Chikarien der Behörden und ihrer Organe und die periodisch wiederkehrende Wut des Pöbels, die das mühsam Aufgebaute mit einem Mal zerstört. Dieses ganze Ghetto-Milieu ist in Westeuropa glücklicherweise nicht vorhanden. Von all den jüdischen Merkmalen sozialer Natur sehen wir hier nur noch Zähigkeit und Unternehmungslust, und auch sie sind nicht in so starkem Masse vorhanden. Es ist hier, psychologisch betrachtet, überhaupt alles, was wir im Osten sahen, ins Kleinliche übertragen. Die jüdische Phantasie, der jüdische Geist, die gewaltige Ausdauer, — es ist alles stark verblasst. Der Jude Osteuropas ist im Geiste noch immer der kühne Grosskaufmann des Mittelalters, der Länder und Weltteile miteinander verbindet. Auch im Häringladen treibt er eine grossangelegte Handelspolitik, und seine Phantasie schwelgt in immer neu erdachten Möglichkeiten. Beim Westeuropäer ist alles konstanter,

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