Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. None

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Date
1903-09-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583914--03209-2587707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Herausgegeben i jnter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und von LEO WINZ. Schriftstellern Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 9 September 1903 III. Jahrg. OST UND WEST. Von Fabius Schach. Ost und West, zwei Pole in der Natur und im Leben, stellen auch in der jüdischen Kultur der Gegenwart zwei von einander scheinbar getrennte Welten dar. Und wie in der Natur und im Leben eine wahre Harmonie, ein gewaltiges Grosses nur durch die Verbindung aller Pole möglich ist, so kann auch der jüdische Organismus nur durch die Aussöhnung des Ostens mit dem Westen sich zur Schönheit und Kraft entfalten. Diese Aufgabe scheint nur zu gewaltig, undurchführbar, aber sie ist notwendig, und das ist ihre beste Berechtigung. Was sein muss, das wird sein. Ein Körper kann nur dann gesund funktionieren,* wenn alle seine Teile sich eins fühlen. Die Lösung der inneren Judenfrage, die vielleicht noch wichtiger als die äussere ist, erscheint mir nur möglich, wenn die Judenheit als eine Einheit, als ein vielfältiges Ganzes erfasst wird. Ost und West — welch' gewaltige Gegensätze! Hier eine wilde Welt voll Stürme und Kämpfe, ein brausendes und wogendes Meer; dort ein abgetönter Frieden, eine in ruhiger Bahn dahinströmende Flut. Hier Riffe und Klüfte, Felsen und Schluchten, eine ewig gährende Natur mit den urwüchsigen Leidenschaften einer unbändigen Kraft. Dort eine abgeklärte, ruhige Lebensanschauung, eine in glattem Geleise sich langsam entwickelnde Natur. Und doch wiederum haben beide Hemisphären gemeinsame Quellen: Geschichte und Abstammung. Die erstere ist die wichtigere, denn Leben ist Geschichte und nicht Rasse. Ja, in beiden Regionen wirkt auch die gemeinsame innere Natur, — nur in anderer Färbung. Sie haben auch — und das war stets das stärkste Band — gemeinsame Leiden, Leiden der Volksseele, nur sind sie hier und dort anders nuanciert. Wer aber vermag zu sagen, wessen Leid grösser und tiefer ist? Schmerzen lassen sich nicht messen und wiegen, sie sind stets individualisiert. Wer mag ernstlich daran zweifeln, dass wir hier organische Teile eines Ganzen vor uns haben? Nennet es Volk, Nation, Glaubensbruderschaft, — was liegt am Namen? Die Einheit ist da, und sie-ist von der Natur geboten. Es ist, als wenn zwei Wege an einem Wendepunkt sich von einander trennen, um doch schliesslich auf dem Gipfel ineinander zu fliessen, — ineinanderfliessen zu müssen, da sie sonst beide zum Abgrund führen. Gewiss, auf den ersten Blick erscheinen diese beiden Welten einander so sehr entgegengesetzt, dass alle Rassentheorien daran zerschellen. Rein äusserlich gedacht — könnte man meinen — hat trotz des prägnanten semitischen Typus der deutsche Jude mit dem deutschen Christen mehr gemeinsam als mit dem russischen Juden. Nicht nur die sozialen Interessen, sondern auch die Lebens- und Denkweise zeigen ihm im deutschen Nachbar den Genossen. Es ist keine Heuchelei, wenn viele westeuropäische Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.