Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Litterarisches / Schleiden, M. J.
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 573 - 574 (sequence 2)
- Language
- German
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573 Litterarisches, Aphorismen. 574 die Seite der grössten Helden, von denen die Geschichte weiss. Sie unterlagen der ungeheuren plwsischen Uebermacht; die Nation wurde als solche vernichtet, das Volk in alle Welt zerstreut von China und Indien durch Afrika und Europa bis zum äussersten Westen der damals bekannten Welt. Aber das Volk blieb ein Volk, unterhielt eine ununterbrochene Verbindung unter allen seinen Gliedern und erkannte immer in der Fortbildung des geistigen und sittlichen Lebens einen Mittelpunkt an, der sie alle untereinander verknüpfte. M. J. Schleiden: Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter. Leipzig 1879. * * ❖ Das im vorigen Hefte veröffentlichte Porträt des Prof, H. Steinthal ist eine Reproduktion nach einer Originalradierung von H ermannStr 1.1 ck. Aus Versehen ist der Name des Künstlers weggelassen worden. POLITISCHE REVUE. Die „Baseler Nachrichten" veröffentlichen an leitender Stelle die Zuschriften eines amerikanischen Korrespondenten, der die Ansicht eines amerikanischen Politikers über die Einwanderung nach Amerika wiedergiebt. Sie lautet: „Wir sind eine 211 geschlossene Nation, um über fremdes Elend in Hysterie zu verfallen. Das Gemetzel von Kischinew war ja allerdings entsetzlich genug, und unsere Sympathie sowie unser Geld sind den Notleidenden in überreicher Weise zugeflossen; aber die Ueberlebenden jener Schreckenstage mögen nun auch unseren Grenzen fern bleiben. Wir beherbergen eine Unzahl von Polen, Böhmen, Ungarn und Russen, die weder unsere Sprache sprechen, noch unsere Lebensgewohnheiten teilen und die, auf sich selbst angewiesen, in elenden „Tenement"-Distrikten hausen, bei der geringsten Volksbewegung aber in der Front der Unruhestifter marschieren Hie und da ein Dichter oder fähiger Schriftsteller, ein Mechaniker oder Musiker, welcher iVber das Durchschnittsmass hervorragt, das ist alles. Wenn man gesehen hat, wie Einwanderer dieser Klasse diese Distrikte der Eisenindustrie und Bergwerke überschwemmen, wie sie amerikanische Arbeiter verdrängen, indem sie für einen völlig unzureichenden Lohn arbeiten, dann kann man die Gefahr begreifen, welche Amerika von dieser Seite her droht. Unser Geld sollte lieber im Lande behalten und dazu verwendet werden, die Brutstätten von Not und Elend in den Ghettos von New- York und Chicago auszutilgen und deren unglücklichen Bewohnern bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Diese Ansicht wird auch von einem grossen Teile unserer einflussreichsten jüdischen Bürger geteilt, die, wie wir, die Verantwortung erkannt haben, die wir mit der Zulassung jener Emigranten auf uns nehmen. Gewiss, wir verabscheuen Blutvergiessen und Gewaltakte, aber trotzdem werden wir die Kischinewepisode mit der nächsten Sensation schon vergessen haben. DasSchlimmste für uns ist aber, dass unterdessen Hunderte und Tausende russische Juden — für unser Geld — aus ihrer Heimat abgereist sind und an unseren Gestaden landen. Die meisten derselben sind von der vollkommen irrigen Idee befangen, dass sie, einmal in Amerika gelandet, aller Sorgen ledig sein werden. Während wir gar keine Zeit gehabt haben, überhaupt nur an ihre Existenz zu denken, sind sie schon hier und die Polizei drängt sie durch die Eingänge zu Packhöfen oder Seitenstrassen, in denen sie der tiefsten Armut und schliesslich dem Laster verfallen müssen." Hierzu bemerken die „B. N." : So weit der namhafte Amerikaner. Es steht demnach zu befürchten, dass die Kischinewer Greuel früher oder später die zweifellos vorhandene Anti-Frcmdenbewegung in den Vereinigten Staaten nur noch verstärken werden, trotz der liebenswürdigen Worte und des guten Willens des Herrn Roosevelt. * * * In Angelegenheit der Auswanderung schreibt die „Israelitische Wochenschrift": Der Hilfsverein ' der deutschen Juden, die Alliance Israelite Universelle und andere Organisationen, deren Aufgabe es ist, den bedrängien Brüdern im Osten beizustehen, haben, wie man weiss, recht beträchtliche Summen gesammelt oder zur Verfügung gestellt, um den Geschädigten von Kischinew Unterstützung und Förderung zu gewähren. Die Delegierten jener Vereine und Organisationen haben beraten, wie die Hilfsaktion ins Werk zu setzen sei, und sind, wie s. Zt. mitgeteilt worden, zu dem Entschluss gekommen, von jeder Auswanderungsbewegung dringend abzuraten und jede Förderung der Auswanderung unbedingt zu verweigern. Ehe aber dieser Beschluss gefasst und bekannt gegeben war, hatten sich eine Anzahl jüdischer Familien in Kischinew veranlasst gefunden, im Vertrauen auf Gott und auf die nie versagende Hilfe der Glaubensgenossen den Wanderstab in die Hand zu nehmen. Sie haben das schweren Herzens getan, auf Grund der sich ihnen aufzwingenden Erkenntnis, dass ihnen jede Hoffnung verschlossen ist, in der Heimat wieder Erwerb und Sicherheit zu gewinnen. Sie sind nach Berlin gekommen, und hier erst haben sie erfahren, dass die Voraussetzungen nicht zutrafen, auf die hin sie sich auf den Weg gemacht hatten. Sie waren kurze Zeit in Berlin, als einige Blätter die Mitteilung von ihrer Ankunft brachten, mit dem Hinzufügen, dass „auf Anregung von zionistischer Seite hin" Sammlungen für diese Auswanderer veranstaltet würden. Das war in doppelter Beziehung irrig. Weder war „von zionistischer Seite" irgend eine Anregung gegeben worden, noch hatte man Sammlungen in Aussicht genommen. Selbstverständlich mussten die eingangs erwähnten