Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 571 - 572

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Die moderne Judenfrage. Rezension / H. Sch.
Date
1903-08-01
Page
Seite 571 - 572 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
spine
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583913--03195-2587623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

571 572 LITTERARISCHES, APHORISMEN. Die moderne Judenfrage. Von den Grundlagen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und des Zionismus. Von Lazar Felix Pinkus. (48. S. Breslau, Köbner. 1.— M.). These: Der Zionismus ist die Form, welche die soziale Frage im jüdischen Volke angenommen hat. Voraussetzung: .... dass alle Erscheinungen im Leben der Völker soziale Phänomene sind und waren, aus wirtschaftlichen Ursachen hervorgegangen (S. 7). Wenn es selbst gelänge, diese Voraussetzung für alle Kulturvölker zu beweisen, für das jüdische Volk gilt sie nicht. Gerade die Geschichte des jüdischen Volkes beweist zur Genüge, dass unmöglich alles geschichtliche Geschehen auf soziale Motive zurückgeführt werden kann Eher das Gegenteil Wären wirtschaftliche Momente zu allen Zeiten und in allen Lagen für das jüdische Volk die treibenden Kräfte gewesen: es existierte heute nicht mehr; hätte es sich in unserer Zeit mehr von solchen leiten lassen: es wäre heute politisch weiter. Doch kann man eine aktive und passive jüdische Geschichte unterscheiden (oder auch subjektive und objektive). Wie dem jüdischen Volke von andern Völkern mitgespielt wurde, dafür lässt sich eher, vielleicht stets, das materielle Moment als causa movens nachweisen. Und da schliesslich — leider — in neuerer Zeit das jüdische Volk auf die Tätigkeit für sich verzichtet hat (vgl. Missionsidee — Prügelknabe), also nur eine passive Geschichte hat, das geschichtliche Leben, das die Anderen ihm gestatten —, hat P.'s Voraussetzung eine gewisse Richtigkeit. Allerdings: die religiösnationalen, die Rasse - Eigentümlichkeiten würden auch bestehen bleiben, wenn der soziale Unterschied gar schwände. Doch nehmen wir nach diesen Einschränkungen die Voraussetzung an, so hat P. seine These wohl bewiesen. Ein Grösserer hat ihm dabei allerdings vorgearbeitet. P. macht auch kein Geheimnis daraus. Es ist der bekannte Breslauer Nationalökonom Werner Sombart, der Karl Marx für den bedeutendsten Juden des 19. Jahrhunderts erklärt. S. hat jüngst ein Buch: „Der moderne Kapitalismus" erscheinen lassen, in dem er auch die sehr bedeutsame Rolle der Juden an der Entwicklung dieses als einzig überlebende Träger eines älteren Kapitalismus nachweist. Dies hat P. sehr gut verwandt, dazu kommen als weitere Quellen für die Arbeit vor allem Grätz und der Berner Oncken. P. giebt dann viel ziemlich Material zur gegenwärtigen Lage der Juden in allen Ländern. Im ganzen eine fleissige Arbeit, die lesenswert für alle, die bestrebt sind, zu einem eigenen Urteil in der modernen Judenfrage zu gelangen. Die Schlusssätze hätte der Verfasser, der sonst in dem Büchlein so bescheiden auftritt, besser weglassen oder anders fassen können H. Sch. * * * Israel war und ist das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprung und Fortleben bis auf den heutigen Tag, in seinem Glück und Unglück, in Fehlern und Vorzügen, in seiner Niedrigkeit und Hoheit so einzig, so sonderbar, dass ich die Geschichte, die Art, die Existenz dieses Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder und Schriften halte, die wir von ihm haben und wissen. So etwas lässt sich nicht erdichten, solche Geschichte, mit allem was daran hängt und davon abhängt, kurz, ein solches Volk lässt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das grösste, Poem der Zeiten und geht wahrscheinlich noch bis zur Entwicklung des letzten, noch unberührten Knotens aller Erdnationen hindurch. J. G. von Herder: Briefe, das Studium der Theologie betreffend, 1. Teil, 12. Brief, und Ideen zur Geschichte der Menschheit, 3. Teil, 12. Buch. * * * Wo ist ein so herrlich Volk, zu dem die Götter sich nahten, wie der Herr zu*diesem Volke? wo ist ein so herrlich Volk, das so gerechte Sitten und Gebote hatte, wie diese Gottesgebote waren? J. G. von Herder: Brief j, das Studium der Theologie betreffend. * * * Die Verwüstung der jüdischen Länder durch Assyrier und Babylonier brachte sie zunächst dahin, sich in ihrem eigenen geistigen Wesen zusammenzufassen und den ganzen Gewinn ihres vergangenen Geisteslebens in ein Ganzes zu vereinigen, was als Moses, Psalmen und Propheten ja noch heute so vieles, selbst für die Christen Erhebende und Heiligende enthält. Die Juden prägten das gewonnene Gut in ihrem Leben aus. Un-: erschütterliches Vertrauen auf Gott und sittliches Tun, soweit sich ihnen dasselbe schon als Pflicht erschlpssen hatte, gab ihnen die Kraft des Enthusiasmus, mit dem diese kleine Nation fast ein Jahrhundert lang den Kampf gegen das römische Riesenreich führte, das grössere Anstrengung gegen sie autbieten musste, als gegen irgend eine andere noch so grosse Nation. Der Heldenmut der Juden sowohl unter den Makkabären, als auch während des Kampfes, der mit der Zerstörung Jerusalems unter Titus endigte, ja selbst noch der zweijährige Verzweiflungkampf unter Bar Kochba, sowie später ihre Verteidigung Neapels gegen Beiisar, der Pyrenäenpässe gegen die Franken, stellen sie an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.