Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Hilfswerk Kischinew [Nachricht]
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 503 - 504 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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503 Politische Revue. 504 Juden eröffnet, und wie es scheint, ist die Erschliessung der bis dahin den Juden unzugänglich gewesenen Dörfer noch nicht beendet; aber nichtsdestoweniger ist die wirtschaftliche Not unserer Glaubensgenossen in Russland ungeheuer angewachsen, und trotz allem Abraten ist es wahrscheinlich geworden, dass wiederum eine umfangreiche Emigration, wie sie in den Jahren 1881—83 und 1891—92 stattgefunden hat, bevorsteht. Nur sind indessen die Emigrationsbedingungerl sehr ungünstig geworden. Sowohl in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wie auch in Süd-Afrika ist die Einwanderung erheblich erschwert, in Afrika sogar fast unmöglich gemacht. Eine Einwanderung nach England in grösserer Dimension ist nach der Lage der Dinge durchaus untunlich. Vorläufig ist Kanada das Ziel der Wanderer, aber es fragt sich, ob es so bleiben kann. Es erscheint dringend notwendig, dass sich die westeuropäische Judenheit über die drohenden Schwierigkeiten rechtzeitig klar werde, bevor der unaufhaltsame Auswandererstrom vom Osten hereinbricht. Denn auch aus Rumänien und aus Galizien werden wohl viele heimatlos gewordene Juden Unterkunft suchen müssen. Die philanthropischen Vereine, die sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen, — die Jewish Anglo Association, Jewish Colonisation Association, Alliance Israelite, Hilfsverein der deutschen Juden u. s. w. — müssten sich rechtzeitig vereinen und eine Lösung dieser überaus schwierigen Fragen in Angriff nehmen. Bei vereintem Bemühen dürfte dies doch gelingen. * In den grossen jüdischen Zentren von Westeuropa machen die zunehmenden Massentaufen, die sich nicht mehr in Abrede stellen lassen, grosse Sorge. In Wien hat dies zu einer lebhaften Diskussion geführt, da von mancher Seite die Gemeindebehörden für diesen erschreckenden Niedergang des Judentums verantwortlich gemacht werden. Bei den Klagen und Anklagen sind da Wahrheit und Unwahrheit durcheinander geworfen. P^s kann niemandem einfallen, behaupten zu wollen, dass die Gemeindebehörden in der Lage wären, dem Massenaustritt aus dem Judentum Einhalt zu gebieten, abgesehen davon, dass in den meisten Fällen die Taufe nur noch eine Formalität ist, nachdem das jüdische Gefühl schon längst jede Kraft verloren hat Aber andererseits steht.es fest, dass wir eine geradezu unverantwortliche Indolenz zeigen und nichts tun, um das Judentum innerlich zu stärken. Da wird immerwährend geklagt, dass für die Kulturaufgaben des Judentums nichts geschieht, dass die Jugend nicht die nötige und zweckmässige Unterweisung in der jüdischen Glaubenslehre erhält, dass wir keine geeigneten Schriften für die reifere Jugend und für alle Stände der Judenheit haben, aber es bleibt eben beim Klagen. Es muss eine innere intensive Tätigkeit entwickelt werden, um die Judenheit widerstandsfähiger zu machen. Man vergisst vielfach, dass die Massentaufen nicht nur an sich bedauerlich sind, sondern auch reichlich dazu beitragen, die treu Ausharrenden politisch und sozial zu schwächen. Seit mehr denn huntert Jahren haben wir in Deutschland solche Periode der Massenflucht einigemal erlebt. Es ist zweifellos, dass wenn dies vermieden worden wäre, die Gesamtlage der deutschen Judenheit sich viel günstiger gestaltet hätte. Welche Unsumme geistiger und wirtschaftlicher Kräfte ist uns nicht dabei verloren gegangen! Jahraus jahrein werden bei uns lebhafte Klagen über diese Zustände geführt, aber mit einer Art morgenländischem Fatalismus bleiben wir demgegenüber völlig untätig. Da kann es freilich nicht besser werden, sondern natürlich nur schlimmer. * # * In der Nacht vom 10. zum 11. Juni ist in Belgrad durch eine Militärrevolte der letzte Obren0witsch ums Leben gekommen. Dem unglücklichen König, an dem die Sünden der Väter in furchtbarer Weise geahndet wurden, muss der Wahrheit gemäss nachgesagt werden, dass er, wie alle Herrscher aus dem Hause Obrenowitsch, den Juden gegenüber stets Wohlwollen und Gerechtigkeit bekundet hat. Serbien ist der einzige Balkanstaat, wo die Gleichberechtigung der Juden ohne Schmälerung durchgeführt worden ist und wo der Antisemitismus keinen Boden gefunden hat. Hoffentlich wird der neue Herrscher, Peter I. Karageorgiewitsch, von diesen Prinzipien nicht abweichen, zumal in der serbischen Bevölkerung keine judenfeindlichen Neigungen vorhanden sind. Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3,50, für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 55 Kop. ,__Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen . - "* Reiches unter No. 6174 der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift.--- Anzeigen 50 Pfennig die vier gespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach JCarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesieche und 'Angebote zum halben Preise, Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVART & Co. (Inn. HUGO BLOCH & Dr. P. GOTTHELF) Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin NW., Neue Wilhelmstrasse 1. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von J. S. Preuss, Berlin S.W. 19. — Cliches von der Graphischen Kunstanstalt Richard Labisch 9c Co., Berlin S.W.