Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Der deutsche Reichstag [Nachricht]
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 499 - 500 (sequence 1)
- Language
- German
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499 500 POLITISCHE REVUE. Der Deutsche Reichstag ist im Monat Juni unter heftigen Parteikämpfen neugewählt worden. Seit etwa fünfundzwanzig Jahren spielt die Judenfrage bei den Wahlkämpfen eine nicht unbedeutende Rolle. Denn nicht nur die sogenannten „reinen" Antisemiten haben die Entrechtung der Juden in Deutschland auf ihre Fahne geschrieben; auch die konservative Partei ist mit dem Antisemitismus aufs engste verknüpft, sodass man oft in Verlegenheit ist, wenn man die Merkmale angeben will, durch die sich die Konservativen von den Antisemiten hinsichtlich der Judenfrage unterscheiden. Höchstens wird sich's um die Verschiedenheit des Temperaments handeln. Aber auch ausserhalb der rechtsstehenden Parteien hat die gesellschaftliche Abneigung gegen die Juden Fortschritte gemacht, und so hat man anlässlich der Kandidaten aufstellung das seltsame Schauspiel erlebt, dass dem einen oder dem andern der liberalen Kandidaten die Empfehlung mitgegeben wurde, er sei „ein Kind evangelischer Eltern", oder dass er wenigstens ein ,,geborener Christ sei". Erfreulicherweise hat sich dann gezeigt, dass diese „Rücksichtnahme auf die herrschende Strömung", wie es vielfach in liberalen Kreisen entschuldigend hiess, weder nötig war, noch genützt hat. Im allgemeinen hat der Antisemitismus insofern einen Rückgang aufzuweisen, als bei den letzten Wahlen weniger Stimmen für die antisemitischen Kandidaten abgegeben wrorden sind, als im Jahre 1898, und ausserdem sind in der Tat weniger „rein" antisemitische Kandidaten gewählt worden. Rektor Ahlwardt, von dem ein späteres Geschlecht gewiss mit Erstaunen hören wird, dass er über ein Jahrzehnt dem deutschen Reichstag angehört hat, ist diesmal nicht wiedergewählt worden. Freilich ist für die Juden dabei kein Gewinn herausgekommen. Ahlwardt wurde nicht etwa von seinen Wählern in Stich gelassen, sondern er musste seinen alteingesessenen Wahlkreis einem andern, besser situierten, aber nicht minder schlimmen Antisemiten überlassen. Der Wahlkreis Neustettin, den er im Jahre 1893 neben dem Wahlkreis Arnswalde erobert hatte, konnte er diesmal gegen seinen konservativen Gegenkandidaten nicht behaupten. Es verlohnt sich nicht der Mühe, die Stimmenzahl der reinen" Antisemiten mit statistischer Genauigkeit festzustellen. Denn nicht darum handelt es sich, ob einige Mandate mehr oder weniger dieser Partei zugefallen sind, sondern lediglich um den Geist, der im deutschen Reichstag herrscht. Der Schwerpunkt liegt im Zentrum. Vor allem ist es einmal eine feststehende Tatsache, dass die Macht des Zentrums in der letzten Zeit sehr gewachsen ist und wahrscheinlich im neuen Reichstag noch mehr steigen wird. Diese Partei ist die einzige unter den bürgerlichen, die dem Ansturm der siegreichen Sozialdemokratie standgehalten hat, während alle anderen mehr oder weniger Einbusse erlitten haben. Am schmerzlichsten ist die Niederlage der freisinnigen Parteien gewesen. Unter solchen Umständen mus angenommen worden, dass der Einfluss des Zentrums in absehbarer Zukunft noch viel bedeutender sein wird. Andererseits aber hat sich in dieser Partei in der letzten Zeit eine bedeutsame Wendung vollzogen, sie ist der Reaktion gänzlich anheimgefallen. Davon wird die Judenfrage in Deutschland stark beeinflusst. Ehedem, unter der Führerschaft Ludwig Windhorsts und später auch unter der des Dr. Lieber, hatte das Zentrum einen stark demokratischen Zug. Diese Partei bekämpft insbesondere jedes Ausnahmegesetz und jede Beeh> trächtigung der bürgerlichen Rechte einer Minderheit im Reiche. Ludwig Windhorst hat dies unzähligemal wiederholt, obwohl er es niemals ganz verhindern konnte, dass das Zentralorgan der Partei, die „Germania", mit an dem antisemitischen Strang zog und sogar keinen Anstand nahm, an der Verbreitung der Ritualmordbeschuldigung mitzuarbeiten. Zur Zeit als Dr. Lieber an der Spitze des Zentrums stand, wurde es verhindert, dass der Reichstag den auf das Schächtverbot hinzielenden Bestrebungen Folge gab. Die deutsche Judenheit muss sich aber jetzt sehr gut vorsehen, da sie von der Mehrheit des Reichstags so manches zu befürchten hat. Es lässt sich schwer sagen, wie der drohenden Gefahr v/irksam vorgebeugt werden könnte; aber jedenfalls ist es gut, dass wir die Lage kennen und uns keiner Täuschung hingeben Von der tatsächlichen Gleichberechtigung der Juden in Deutschland wollen wir völlig absehen, alle Welt weiss, wie es mit ihr bestellt ist. Aber auch in rechtlicher Beziehung ist bereits manche gefahrdrohende Bresche in die bürgerliche Gleichstellung der Juden gelegt worden. Man erinnere sich nur an das Geständnis der preussischen Justizverwaltung hinsichtlich der Verleihung des Notariats an Juden und an die Beschränkung der Zahl der jüdischen Richter im Königreich Bayern. Jedenfalls heisst es entschieden, die Augen offen halten. * * « Durch die letzten politischen Ereignisse hat sich der Sturm, den einst Friedrich Delitzsch mit seinen Ausführungen über „Babel und Bibel " entfesselt hat, so ziemlich gelegt Die Diskussion wird jetzt nur noch in Fachblättern und Broschüren fortgesetzt, in der politischen Presse ist sie völlig verstummt. Dies ist gut so, da eine wissenschaftliche Erörterung auf diesem Gebiet eben nur wissenschaftlich geführt werden kann. Mittlerweile ist aber der sogenannte Hammurabi-Kodex in einer deutschen Uebersetzung(durch Hugo Winckler)erschienen. Auch D. H. Müller in Wien hat in einem längeren Aufsatz in der „Neuen Freien Presse" Einiges zur Aufhellung dieses Gegenstandes beigetragen. Neben der ziemlich freien Uebersetzung Winckler's bot Müller eine wortgetreue Uebertragung. Es zeigt sich nun, dass die übertriebene Anpreisung des Hammurabi-Kodex und dessen Erhöhung über die Thora absolut unberechtigt war. Wir wollen die Bedeutung dieser Ausgrabungen nicht unterschätzen; überhaupt ist in der Altertumsforschung nichts belanglos, am allerwenigsten eine Gesetzessammlung, die in einem Weltreich — und ein solches war ja das babylonisch-assyrische unbedingt — vor Jahrtausenden Geltung hatte. Aber mit der Thora lässt sich dieser Kodex in keinem Fall vergleichen, und zwar schon deshalb nicht, weil die Lehre Israels, wie sie uns in den Büchern Moses vorliegt, von einem ganz