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Ost und West · 1903-07-01 · Heft 7 (Juli 1903) · p. Seite 497 - 498

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 7 (Juli 1903)
Article
Eine klinische Reminiscenz
Date
1903-07-01
Page
Seite 497 - 498 (sequence 2)
Language
German
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497 Der östliche Jude aber lebt in seiner Weltanschauung nicht wie in einem. Gebäude, sondern wie in der ihn umspülenden Luft, die er immer wieder in durstigen Zügen in sich einsaugt, die tief in seine Brust dringt und im Chemismus seines Körpers ständig lebt und webt und sein ganzes Blut durchsetzt. Aus dieser Atmosphäre war er nach Westeuropa gekommen. Aber er war nicht einer von jenen, die die Stärke — die Schwäche hatten, eine ganze Welt in wenigen Tagen zu vergessen. Und er fühlte, wie er erschlaffte; und wie er nicht mehr standhalten konnte, und wie er nicht mehr die Kraft fand, Widerstand leisten zu wollen. Und da sich ihm der Gesichtswinkel, unter dem er die Dinge geschaut, so ganz in Ri:htung und Grösse geändert, erschien ihm plötzlich die ganze Welt als ein fratzenhaftes Zerrbild, und da ihm der Sinn, aus dem allein heraus ihm Erkenntnis und Verständnis der Erscheinungen geflossen war, zum Unsinn wurde, fühlte er den Boden unter sich wanken, und seine Begriffsvorstellungen wirbelten in einem wüsten Wirrwarr durcheinander, da sie allesamt die Stütze verloren hatten, auf die er sie aufgebaut. Der gewaltige Shoc hatte seine Psyche verwüstet. Aber psychologische Betrachtungen oder gar Sentimentalitäten findet man nicht in den Anamnesen der Krankengeschichten. Ich will kurz berichten. Ich studierte im 7. Semester in Berlin und hörte in der psychiatrischen Klinik Vorlesungen. Es wurde ein junger Mensch, anscheinend im Anfang der zwanziger Jahre stehend, hereingeführt, kurz geschoren, in der Kleidung der Charite-Kranken, mager und hohlwangig, mit einem tiefen dunklen Blick, apathisch, gleichgiltig vorwärtsschreitend. Die Krankengeschichte besagte, dass der Patient — ich glaube, aus Ungarn stammend vor einiger Zeit nach Berlin gekommen war und hier Arbeit gefunden hatte; er gehörte bis dahin dem orthodoxen Judentum an, wurde aber von seinen Arbeitsgenossen mit Büchern versehen und erklärte nach einiger Zeit, seinem Glauben nicht mehr treu bleiben zu können. Da er seitdem ein auffälliges Gebaren zur Schau trug, das immer sonderbarer und sinnloser wurde, so veranlassten seine Wirtsleute die Ueberführung des Kranken nach der psychiatrischen Abteilung der Kgl. Charite. Der Kranke sass noch immer apathisch da; dann brach plötzlich — wie das in der Art dieser Psychose liegt — der rnaniakalische Anfall aus. Er erhob sich, als ob etwas in ihm auflebte, und begann ein erschütterndes Lied. Er sang die Melodie auf einen unsinnigen Text, auf zwei beliebige Worte, die er immerfort wiederholte — die anwesenden Kliniker mögen wohl die eigenartige Komposition ihrem Sinne nach mit diesem Text auf die gleiche Stufe gestellt haben. Er sang Melodieen aus den Seiichaus; aber mit einer Inbrunst, deren allein der fromme Jehudi fähig ist, wenn er das Erbarmen des Allmächtigen herniederfleht auf sein Volk, das wie ein getretener Wurm am Boden zuckt und nicht leben und nicht sterben kann. Das 498 G. F. BARBIERT. MOSES. zerrüttete Gehirn lebte in seiner alten Verzückung in Gott wieder auf. Beide Arme emporgestreckt, die Handflächen zum Himmel gekehrt, so sang er mit einer glühenden Inbrunst die Selichaus-Melodien. Dann brach er ab, und die Verzückung wich einer angstvollen Erregung. Mit einer Gebärde, die ich nicht beschreiben will, die seiner enormen Erregung einen verzerrten Ausdruck gab, schritt er zwischen den Reihen der Hörer in den Mittelgang hinein; dann blieb er hochaufgerichtet, mit weit aufgerissenen Augen stehen, die Gebärden hörten auf, und am ganzen Leibe vor Erregung zitternd, stiess er es langsam, Silbe für Silbe betonend, hervor voll Angst und mit einem Todesernst, als sei es der Tag des Gerichts: „Wer seinen Vater verrät, der soll hingerichtet werden!", dann ein unsinniger Zusatz und dann: „und dieser Verräter — bin — ich!" Seine Augen sprühten Entsetzen. Mit derselben Gebärde wie vorhin schlich er zitternd zu seinem Platz zurück und — plötzlich wich die Erregung. Apathisch wie zu Anfang sass er wieder auf seinem Stuhle und schaute gedankenlos und blöde vor sich hin. Das liegt so im Wesen dieser Psychose. Der Fall bot, wie die Untersuchung ergab, so manches Interessante, es liess sich eine sehr exakte Diagnose stellen, und die Krankheit erhielt den in der Psychiatrie dafür gebräuchlichen lateinischen Namen. Der Fall konnte somit als wohl rubriziert gelten und man konnte sein Interesse dem nächsten zuwenden. — Ich weiss nicht, was aus ihm geworden ist. Dr. Sandler: Eine klinische Reminiscenz.

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