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Ost und West · 1903-07-01 · Heft 7 (Juli 1903) · p. Seite 445 - 446

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 7 (Juli 1903)
Article
Sommernachmittag am Niederrhein [Illustration]
Date
1903-07-01
Page
Seite 445 - 446 (sequence 1)
Language
German
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445 446 MAX STERN. „SOMMERNACHMITTAG AM NIEDERRHEIN0. MAX-STERN. Von Raphael Ed. Liesegang. Ich habe die Stimmung, als sei da etwas Verwandtes in den Bildern von Liebennann, Israels, Stern und einigen anderen jüdischen Malern. Mehr als diese Unklarheit kann ich im Moment nicht sagen. Ich habe mich bisher allzuwenig um das Seelenleben der Andern und um dessen Produkte gekümmert. Die Gedanken wollen bei Berührung des mir neuen Themas gleich durchgehen. Ich ahne eine „jüdische Malerei". Und in Stern scheint mir diese stark ausgeprägt zu sein. Was kann deren Wesentliches sein? — Liegt es in der Wahl der Motive: In einer besonderen Farbengebung? In einem besonderen Zeichnen? Ich erstaune: Ich sehe nichts von dem alten Orientalischen: Keine bunte Pracht, keine grellen Farben. Und ich finde auch nicht die mit Händen und Füssen redenden Menschen, mit denen der evangelische Gebhardt predigt. — Ich finde das Gegenteil: Ruhe. Ruhe überall: In der Farbe, in den Linien, in den Menschen, in der Landschaft. — Ich würde noch zweifeln, an Zufälligkeiten denken, wenn mir nicht Bendemann's Trümmer von Jerusalem und Aehnliches einfiele. Stern hat fast nie einen be- MAX STERN. wegten Menschen gemalt. Meistens sitzen sie. Es ist seltsam, bis zu welchem Grade dies gehen konnte: Meunier oder Zola hatten ihn einst zu einer grossen Absicht verführt, an deren Ausführung er noch jetzt thätig ist: Er will die Arbeiter schildern. Er schildert nicht die Arbeit, sondern die Leute nach der Arbeit: Die Arbeiter in der Pause. Weshalb drängt sich das in die modernen jüdischen Malereien so hinein? — Die Erforscher der europäischjüdischen Volksseele operieren hauptsächlich mit Einem: Das Gehetztwordensein der früheren Jahrhunderte hat seine Nachwirkungen. — Dieser Satz hat sich zum Schlagwort verdichtet und ich sträube mich deshalb ein wenig, ihn auch für dieses Phänomen der Ruheschilderung herbeizuziehen. Aber da ich keine bessere Deutung rinde, glaube ich nun selber daran: Es ist Ahasvers Sehnsucht. In dem Gemälde, der Dichtung, der Musik kann ein Spiegelbild der Seele des Schaffenden liegen. Aber noch öfter sind da gemalte und tönende Worte wider sich selber. Nietzsche schrie laut gegen das Mitleid, weil er allzustark mitleiden musste.

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