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Ost und West · 1903-07-01 · Heft 7 (Juli 1903) · p. Seite 435 - 436

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 7 (Juli 1903)
Article
Eine Apologie des Judentums
Date
1903-07-01
Page
Seite 435 - 436 (sequence 2)
Language
German
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435 A. D. Bender: Eine Apologie des Judentums. 436 Christentum hervorzubringen. Alle Erscheinungen im Leben des alten Judentums, zumal in der der Entstehung des Christentums näherliegenden Epoche, müssen, ob sie nun wollen oder nicht, es sich gefallen lassen, auf diesen Heilsplan hin zurechtgelegt und, wenn es nicht anders geht, zugestutzt oder übersehen zu werden. Eine solche Betrachtungsweise ist natürlich unfähig, dem Judentum als einem selbständigen historischen Gebilde, das nach den ihm innewöhneneh Gesetzen sich entfaltete und im Sturm der Zeiten zu erhalten strebte, gerecht zu werden. In der letzten Zeit kam, als eine Folge des Antisemitismus und des durch gewisse anthropologische Hypothesen angefachten „arischen" Rassenhochmutes, noch das wahrhaft perverse Bestreben hinzu, die Mutter so tief als möglich herabzusetzen, in der Meinung, dass dies unbedingt nötig sei, um die Tochter in desto herrlicherer Glorie erstrahlen zu lassen. Je tiefer man den Gottesbegriff und die Ethik des Judentums herabwürdigte, desto protziger konnte man sich in die Brust werfen: „Seht, wie herrlich weit wir's gebracht!" Ein ebenso feiger wie seichter Freisinn glaubt ein Heldenstück zu vollbringen, wenn er seinen Mut gegendas Alte Testament und das Judentum tapfer austobt. Das ist wohlfeil und — ungefährlich. Und das „arische" Bewusstsein sträubte sich in kindischer Ueberhebung gegen den Gedanken, den verachteten Semiten so viele edle Güter zu verdanken; daher musste die religiöse Bedeutung des Judentums -auf Null reduziert werden. Schliesslich gelangte man dahin, den Semiten und insbesondere den Juden alle religiöse Veranlagung abzusprechen. Unglaublich, aber wahr. Die Grundlage ihrer religiösen Vorstellungen verdankten sie den Juden, die Verfasser ihrer religiösen Urkunden waren Männer jüdischen Stammes, die zartesten Ausdrücke und Wendungen für ihr religiöses Empfinden hatten sie der hebräischen Sprache entlehnt oder nachgebildet, die schwungvollsten Ergüsse ihrer religiösen Gefühle kleideten sie in die Worte der jüdischen Psalmisten, — aber die Juden hatten keine religiöse Veranlagung, keine religiöse Schöpferkraft, hatten gar kein Verdienst um die religiöse Führung und Entwickelung der Kulturmenschheit. Konsequenterweise musste auch der Stifter des Christentums zu einem „Arier" umgestempelt werden. Es durfte nicht zugegeben werden, dass diese Persönlichkeit, weiche auch die Negierenden nicht missen wollten, dem jüdischen Stamme entsprossen sein könnte. Ein grosser deutscher Gelehrter wusste genau, als wäre er dabei gestanden, zu berichten, der Nazarener sei derSprössling eines unter römischer Führung nach Galiläa gekommenen germanischen Soldaten . Jesus sei also ein echter Germane, ein repräsentativer Geist des Germanentums, und habe mit den Juden nichts zu tun. Vielleicht erleben wir es noch, dass die anderen „Arier" den Germanen das Vorrecht streitig machen und ihrerseits beweisen, dass jener glückliche Vater ein Slave, ein Skythe, ein Sarmate, ein Gallier, ein Iberer, ein Grieche oder ein Romane gewesen sei. Und sollte der Streit zu Gunsten der Germanen entschieden werden, dann entbrennt vielleicht unter den einzelnen germanischen Stämmen ein Wettbewerb um die Urheberschaft des grössten repräsentativen Geistes der Germanen. Vielleicht erhebt aber dann jemand die ziemlich naheliegende Frage, warum denn der germanische Geist es vorgezogen hat, seine grösste repräsentative Persönlichkeit in einem galiläischen Nest unter Juden geboren werden zu lassen, anstatt sich lieber innerhalb der Grenzen Germaniens in einem völlig rassenreinen, unverfälscht blonden Jüngling zu verkörpern? Wohin würde man kommen, wenn der germanische Geist es sich einfallen Hesse, auch fürder an dieser Praxis festzuhalten und seine künftigen, repräsentativen Persönlichkeiten, seine lebendigsten Incarnationen in fernen Weltgegenden zur Welt kommen zu lassen, wo versprengte germanische Elemente in fremde Stämme aufgehen? Dann müsste wohl ein künftiger Goethe in Kiautschau, ein Wagner in Kamerun und ein Schopenhauer am Kongo geboren werden . . . Ich gestehe, dass es mir absolut gleichgiltig wäre, wenn auch eine Legion von Gelehrten einstimmig beschlösse, der Nazarener sei nicht jüdischen Stammes gewesen.. Mein Volk verlöre in meinen Augen darum noch nicht das geringste Titelchen seines Wertes. Aber es ist bezeichnend für eine gewisse Sorte von Gelehrsamkeit, dass sie es wagt, die Rasse eines Menschen, von dessen leiblicher Beschaffenheit niemand eine Vorstellung haben kann, aller Tradition und dem natürlichen Verstand entgegengesetzt zu bestimmen, nur um den Juden ein Schnippchen zu schlagen. Etwas Dreisteres und zugleich Kindischeres hat Gelehrtendünkel sich wohl kaum jemals geleistet . . . Wenn schon die hier gekennzeichneten Strömungen allein hinreichen, um auch bei denen, die ihnen nicht unbedingt huldigen, eine objektive Beurteilung des Judentums erheblich zu erschweren, so kommt noch hinzu, dass auch diejenigen christlichen Gelehrten, die sich dem Studium des alten jüdischen Schrifttums widmen, ganz vereinzelte Ausnahmen abgerechnet, sehr weit entfernt sind von der souveränen Beherrschung des Stoffes, die ihnen jene liebevolle Versenkung, jene intime Vertrautheit ermöglichen können, die zu einem vollkommenen, restlosen Verstehen unumgänglich notwendig ist. Voreingenommenheit und Unkenntnis im Verein erzeugen hier also oftmals eine Verständnislosigkeit, die durch selbstbewusstes Auftreten und kategorische Vortragsweise wahrlich nicht gemildert wird. Von jenen beiden Eigenschaften hinreichend, doch von der zweitgenannten mehr besitzt das dickleibige Buch des Theologieprofessors Wilhelm Bousset, der es unternommen hat, die „Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" darzustellen. Es ist vielleicht schön minder wichtig, dass solche Bücher in christlichen Kreisen eine falsche Auffassung vom Wesen des Judentums verbreiten. Viel trauriger ist es, dass auch gebildete Juden, denen infolge ihrer „modernen" Erziehung die Möglichkeit genommen ist, sich über die verwickeiteren Probleme ihrer eigenen Religion selbständig

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