Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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PSF^Wfe ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und von LEO WINZ. Schriftstellern Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7 Juli 1903 III. Jahrg. EINE APOLOGIE DES JUDENTUMS. Von A. D. Bender. Von einem kleinen Büchlein will ich hier reden, dem ich von ganzem Herzen wünsche, es möchte bald sich in jedem jüdischen Hause finden. Kein gebildeter Jude, keine gebildete Jüdin möchte es ungelesen lassen. Ich meine die vor kurzem erschienene Schrift von Felix Perl es: „Boussets Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter, kritisch untersucht."1) In den letzten Jahren macht sich allenthalben in der sogenannten gebildeten Welt ein reges Interesse für theologische Fragen bemerkbar, wobei in einem immer höheren Masse die religionsgeschichtliche Bedeutung des Judentums zur Diskussion gestellt wird. Es mischt sich hierin unzweifelhaft ein gut Teil oberflächlichen Snobismus und gekünstelter Mode, aber es rieselt nebenbei ein, wenngleich schmales, Flüsschen tieferen seelischen Bedürfnisses einher. Es hat den Anschein, als gingen wir einer jener periodisch wiederkehrenden Epochen des Spiritualismus entgegen, die sich nach jedem Zeitraum starken Emporblühens der „exakten" Wissenschaften und der materiellen Kultur einzustellen pflegen. Und es ist nur natürlich, dass eine solche Bewegung einer welthistorischen Erscheinung, wie das Judentum, das selbständig sowohl, wie auch mit seinen Ausläufern tief in das Geistesleben der zivilisierten Menschheit eingegriffen hat, das Interesse nicht versagen kann. So haben denn einige in der letzten Zeit vielbesprochene Autoren, die das religiöse Problem von allgemeinen Gesichtspunkten behandelten, sich mit der jüdischen Religion auseinandergesetzt; freilich ist dies mehr in einer vorlauten als eindringlichen, geschweige denn gerechten Weise geschehen. l) Berlin, Wolf Peiser, Verlag. 1903. Aber in den Kreisen der protestantischen Theologie bestand längst schon das löbliche Bestreben, den Wurzeln des Christentums, die in das frühe talmudische Zeitalter des Judentums zurückreichen, nachzugehen. „Zeitgeschichte" nennt sich eine besondere Disziplin innerhalb der deutschen protestantischen Theologie, die sich mit der Geschichte des jüdischen Volkes in der Entstehungsperiode des Christentums befasst. Es verdient alle Anerkennung, dass christliche Forscher bemüht sind, den Mutterboden zu ergründen, aus dem ihre Religion emporgeblüht, die geschichtlichen Gesetze zu begreifen, die bei dem Keimen und Sprossen der neuen Lehre aus dem Schoss der alten gewaltet haben. Es sei auch gerne zugegeben, dass manche dieser Gelehrten einen Eifer in der Erforschung der alten Literaturdenkmäler des Judentums — wir meinen die talmudischen, von den biblischen ganz zu geschweigen! — wie auch eine Wertschätzung derselben an den Tag legen, an der sich gewisse Kreise unserer „hochgebildeten" Glaubensgenossen ein Muster nehmen könnten. Im allgemeinen jedoch stehen den christlichen Theologen zu einer allseitigen, gerechten und objektiven Würdigung des Judentums mehrfache Hindernisse im Wege. Zunächst die vorgefasste, von Geschlecht zu Geschlecht sich forterbende Anschauung, die „Mission" oder, weltlich gesprochen, die historische Aufgabe und somit auch die Daseinsberechtigung des Judentums sei mit dem Auftreten des Christentums „erfüllt", habe von diesem Zeitpunkt an aufgehört. Das ganze jüdische Volk und sein ganzes geschichtliches Leben, alle seine geistigen Taten, alle seine Kämpfe und Leiden, seien nur eine Episode in dem sogenannten „göttlichen Heilsplan" gewesen, sozusagen nur ein Umschweif der Vorsehung, um das