Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 431 - 432

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Der Verein zur Förderung der jüdischen Wissenschaft [Nachricht]
Date
1903-06-01
Page
Seite 431 - 432 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583911--03016-2587363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

431 West-östliche Monatsschau. 432 Der Verein zur Förderung der jüdischen Wissenschaft hat seinen ersten Schritt in die Oeffentlichkeit getan. In der letzten Ausschussitzung wurden u. a. zwei weittragende Beschlüsse gefasst, die man nur mit Freuden begrüssen kann. Zunächst wurde auf Antrag des Herrn Dr. Gustav Karpeles beschlossen, ein gross angelegtes Werk ,,Grundriss der jüdischen Wissenschaft" herauszugeben, welches in mehreren Bänden alle Disziplinen in ihren einzelnen Verzweigungen umfassen soll. Sodann sollen an junge Gelehrte, die auf einem der Gebiete der jüdischen Wissenschaft arbeiten wollen, grössere Stipendien verliehen werden. Man sieht, der Ausschuss des Vereins, dessen Vorsitzender ein Mann von dem wissenschaftlichen Range des Herrn Prof. Dr. M. Phil?ppson ist und dem die besten Männer des deutschen Judentums angehören, hat seine Aufgabe vielseitig und mit würdigem Ernst erfasst. Noch hat aber das jüdische Publikum dem Vereine nicht das ganze nötige Interesse entgegengebracht. Die Jahresbeiträge haben erst eine Höhe von 9000 Mk. erreicht. Freilich steht, wie der Vorsitzende neulich ausführte, zu erwarten, dass bei entsprechender Propaganda die Summe mehr als das Doppelte erreichen würde. Aber auch das wäre noch nicht einmal das Minimum dessen, was die deutschen Juden leisten könnten und zu leisten verpflichtet wären. Es muss mit Bedauern konstatiert werden, dass innerhalb der deutschen Judenheit, die sich mit Stolz als die erste und vornehmste Trägerin der grossartigen Entwickelung der modernen jüdischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert bezeichnen durfte, eine besorgniserregende Abkühlung des Interesses für die Wissenschaft des Judentums eingetreten ist. Der zu einer gedeihlichen Entfaltung unumgänglich notwendige Kontakt zwischen den Forschern und dem Publikum schwindet immer mehr, und die Folge davon ist, dass bei den Gelehrten die Empfindung für die geistigen und seelischen Bedürfnisse ihrer Zeit, das Verständnis für das Leben und die Probleme, die es aufwirft und die die lebendigen Menschen im tiefsten Innern beunruhigen, verloren geht; jene vergraben sich in den Staub ihrer Gelehrtenstube, verlieren sich in unzähligen Einzelheiten und tibersehen darob die Beziehungen auf das Ganze. Immer mehr werden sie einer vom Volke sich stolz abschliessenden Kaste von Gelehrten ähnlich, die in der Abgeschiedenheit über die Rätsel der Wissenschaft brüten und sich unter einander vermittelst Hieroglyphen verständigen, die dem profanum vulgus ewig unzugänglich bleiben. Darum kommt ihnen allmählich auch jene äussere Anmut und Eleganz der Darstellung abhanden, die nur aus dem regen Bedürfnis erwächst, sich, ohne seicht und oberflächlich zu werden, dem grossen Kreise der Gebildeten verständlich zu machen. Und der grosse Kreis der Gebildeten wendet sich immer mehr von dieser Seite ab und fängt an, sich über die jüdischen Probleme bei den . . . Delitzsch, Harnack, Chamberlain und Bousset Aufklärung zu holen, während solche Bücher wie Lazarus' „Ethik des Judentums", Güdemanns „Das Judentum in seinem Wesen und seiner Entwicklung", Schreiners „Die jüngsten Urteile über das Judentum" und mehrere andere abseits im Winkel liegen und kaum einige Beachtung finden. In den letzten Jahren haben einige reiche Heimgegangene in ihren Testamenten bedeutende Summen für allerhand Zwecke ausgeworfen, die mitunter nur sehr lose Beziehungen zur Wohltätigkeit haben. Aber keiner dieser Erblasser hat auch nur einen Pfennig für jüdisch-wissenschaftliche Institutionen, sei es für die Zunz-Stiftung oder eine der jüdisch-theologischen Lehranstalten vermacht. Das sind bedrohliche Symptome Hier erwächst dem Verein zur Förderung der jüdischen Wissenschaft die schöne Aufgabe, eine Annäherung zwischen Publikum und Gelehrtenwelt anzubahnen, letzterer Gelegenheit zu bieten, an die weitesten Kreise der Gebildeten das Wort zu richten und bei diesen das Interesse für die Arbeit jener und für die Früchte dieser Arbeit zu wecken. Freilich müssen hier die Bestrebungen schon im frühen jugendichen Alter und schon im Elternhause einsetzen. Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3>5<>i für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. ^__Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen . ---Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. ~- Anzeigen 50 Pfennig die viergespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise. Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVARY& Co. (Inh. HUGO BLOCH & Dr. F. GOTTHELP) Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin NW., Neue Wilheimstrasse 1. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von J. S. Preuss, Berlin S.W. 19. — Cliches von der Graphischen Kunstanstalt Richard Labisch & Co., Berlin S.W.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.