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Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 429 - 430

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Latenter Judenhass [Nachricht]
Date
1903-06-01
Page
Seite 429 - 430 (sequence 1)
Language
German
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*29 430 WEST-OESTLICHE MONATSCHAU. An drei verschiedenen, von einander weit entfernten Orten ist der latente Judenhass gleichzeitig vulkanartig ausgebrochen: in Algier, in Uhnow (Galizien) und in Kischinew. Dank der Energie des Gouverneurs von Algier und der unerschrockenen Gegenwehr der jüdischen Bevölkerung ist es in Nordafrika zu keinen Schreckensszenen gekommen. Anders in Uhnow. Hier waren scheinbar die Angriffe auf die Juden freilich nicht, wie in Kischinew, vor langer Hand planmässig vorbereitet und organisiert, gleichwohl haben sie viele Opfer an Gut und auch ein Menschenleben gefordert. Auch hier, gleichwie in Kischinew, war es die festtägliche Stimmung, die an den Osterfeiertagen sich einzustellen pflegt, welche den Ausbruch der Zerstörungswut förderte. Der Branntwein, der bei solchen Anlässen reichlich fliesst, hatte offenbar die Geister beflügelt. Der Vorwand? Natürlich fehlte es an einem solchen nicht! Da ist in dem Hause eines Ackerbürgers Feuer entstanden. Der Ackerbürger betreibt auch das Nebengewerbe eines Zimmermanns. In seinem Hause hält sich ein Lehrling auf, der vor Kurzen vom Judentum zum Christentum übertrat. Die Juden des Ortes sind darob natürlich nicht sehr erfreut, der eine oder der andere mag wohl seine Entrüstung über den jungen Renegaten und seinen Lehrherrn, der ihn zum Abfall beredet, geäussert haben. Was liegt da näher, als dass die Juden dem Zimmermann aus Rache den roten Hahn aufs Dach gesteckt haben? Merkwürdigerweise fingen hier gleichzeitig auch noch mehrere andere Christenhäuser zu brennen an. Sofort war der Krawall fertig. Man stürzte sich auf die Judenhäuser, plünderte die Läden, vernichtete, was unter die Hände kam, prügelte und verwundete jeden, der sich zur Wehr setzte, und steckte schliesslich die Häuser in Brand, wobei ein Jude umkam. Eine zahlreiche Bauernschar, die aus den benachbarten Dörfern herbeigeeilt kam, half bei dem Werke der Zerstörung und Plünderung wacker mit. Alles nach dem bekannten und bewährten Rezept. Und auch das Militär rückte, nach bekanntem und bewährtem Rezept, etwas zu spät aus dem benachbarten Rawa ruska heran. So weit wäre alles . . . sehr schön. Aber hier haben seltsamerweise ein paar Versicherungsgesellschaften, sonst äusserst friedliche Institute, ein Wörtchen mitzureden. Es stellt sich nämlich heraus, dass jener eifrige christliche Proselitenmacher, dessen Haus die Juden aus Rache angezündet haben sollen, selber der Brandstifter gewesen ist in der Absicht, eine hohe Versicherungssumme einzustecken. Unter demselben Verdachte stehen auch seine Nachbarn. Die aus „patriotisch-religiösen" Motiven begonnene Affäre wird also in einem ganz gemeinen Betrugs- und Brandstiftungsprozess endigen. Mittlerweile sind ein paar Hundert Juden brot- und obdachlos geworden. Und das schauerliche Ungewitter, das sich über Kischinew entladen, hat den um vieles geringeren Sturm in Uhnow derart übertönt, dass kein Mensch jener armen Opfer gedachte. Die Kischinewer Metzeleien haben ihre düstern Schatten weit hinaus übers Land geworfen Dunkle, unkontrollierbare Gerüchte über bevorstehende Greueltaten schleichen überall umher wie unheimliche Gespenster und erregen die Habgier und die Mordlust auf der einen und die Todesangst auf der andern Seite. „Auf höheren Befehl sind die Juden freigegeben!" so etwa klingt, auf die bündigste Formel zurückgeführt, die Mär, die von den Tatsachen nur schwach widerlegt wird Inzwischen richtet die Angst und die Aufregung unübersehbare ökonomische Verheerungen an, legt Handel und Wandel lahm, vernichtet unzähliges Gut, erstickt jegliche Regung des Unternehmungsgeistes und untergräbt so für lange den Volkswohlstand. Manche von einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung bewohnte Stadt, wie Kiew, macht den Eindruck, als ob eine feindliche Invasion erwartet würde. Man befürchtet jeden Augenblick den Ausbruch von Metzeleien. Die ärmere jüdische Bevölkerung zieht massenhaft weg, einerlei wohin. Wenn am Bahnschalter keine Karten nach dem Osten mehr vorhanden sind, werden Billets nach dem Westen, nach dem Süden oder dem Norden verlangt. „Wohin einen die Züge tragen" — um nur aus dem Bereiche der Schreckensherrschaft wegzukommen, und zwar so rasch als möglich. Die Wohlhabenden siedeln in die Hotels über, wo sie sich besser geschützt wähnen. Die Leihhäuser nehmen keine Pfänder mehr an. Die kleinen Gruppen, die sich zur Selbstverteidigung gebildet haben, wurden von der Polizei aufgelöst und die bei ihnen gefundenen Waffen konfisziert. * * Mittlerweile scheint bei einem grossen Teil der russischen Presse, die eigentlich an den Vorgängen die Hauptschuld trägt, das Gewissen sich geregt zu haben. „Nowoje Wremja", welches stets das Aeusserste an Verhetzung und Aufwiegelung geleistet, fängt an, sanft eine Aufklärung der Massen im judenfreundlichen Sinne zu predigen. Mehrere hauptstädtische und Provinzorgane verdammen in harten Worten das Blutbad von Kischinew und wollen fürder jede Gemeinschaft mit der antisemitischen Presse aufgeben. Es hat den Anschein, als beabsichtige wenigstens ein Teil der russischen Intelligenz einen, wenngleich recht zahmen, Protest wider die Haltung der Hetzorgane kundzugeben. Warum so spät? Hat erst in Kischinew Blut fHessen müssen, bis man sich ermannte? Waren die Ereignisse der achtziger Jahre keine genügende Warnung? . . . Möchte doch diese Stimmung wenigstens lange vorhalten! Aber die Zeit vergeht, die entsetzlichen Bilder schwinden aus dem Gedächtnisse, neue Interessen absorbieren die Aufmerksamkeit, und die guten Vorsätze sind bald spurlos verdunstet und alles kehrt in das alte Geleise zurück. * * Der Gouverneur von Kischinew, Herr von Raaben, ist von seinem Posten enthoben und in das Ministerium des Innern berufen worden.

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