Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Zur Landfrage im Zionismus
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 355 - 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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355 F. P.: Zur Landfrage im Zionismus. 356 wird, durch das Gebiet von El Arisch gehen muss. Man kann sich also leicht vorstellen, welche Bedeutung dieser Landstrich dann haben wird. Es ist daher ausserordentlich zu begrüssen, dass das zionistische Aktionskornite sein Augenmerk auf diesen Landstrich richtet, dessen Bedeutung schon seit geraumer Zeit nachdrücklichst hervorgehoben wird. Gewiss ist El Arisch nur im Stande, einen verhältnismässig kleinen Teil der Auswanderer aufzunehmen. Praktisch ist es und der Anfang einer Tätigkeit, deren nationale Bedeutung jedoch gross werden könnte. Auch vom Charterstandpunkte muss man sich ja sagen, dass eine Besiedlung der Grenzländer Palästinas eher die Grenzen dieses Landes der jüdischen Einwanderung öffnen kann als alles andere. Aber mindestens muss man sich darüber klar sein, dass man einmal doch auf die Nachbarländer zurückgreifen muss, denn die Aufnahmefähigkeit Palästinas ist ja nicht unbegrenzt. Also warum dann nicht mit ihnen anfangen und die Juden lieber konzentrieren, als durch die fortwährend grösser werdende Diaspora einer späteren Zusammenfassung Schwierigkeiten in den Weg legen? APHORISMEN. 1. Der Zionismus ist ein mächtiger Liebesfrühling nach einem hundertjährigen Winter. Diese Ueberwinterung der jüdischen Volks- und Staatsidee und ihr Aufblühen im Zionismus ist rein biologisch eine der erstaunlichsten Erscheinungen der Menschheitsgeschichte. Moralisch und kulturell bestätigt der Zionismus glänzend, welche Ewigkeitswerte im Geheimnis des Blutes und im treuen Glauben an seine Reinheit als Rasse-Erscheinung liegen. 2. Vom Zionismus ist, soweit sich die Dinge von unserer heutigen Aussichtswarte überschauen lassen, wenn nicht eine endgiltige Lösung der Judenfrage, so doch eine der stärksten Bewegungen zu diesem Ziele zu erwarten. 3. Im Zionismus ist zweifellos einer der grössten Kulturfortschritte zu erblicken: Er hat im Judentum eine ungeheure Summe von Idealität mobil gemacht und der jüdischen Seele eine Schwungkraft verliehen, die auf sozialem und geistigem Gebiete, in Werken neuer Schönheit und Lebensveredlung sich betätigen wird. Dr. M. G. Conrad (München). Aus dem „General-Anzeiger für die Gesamten Interessen des Judentums". * * * „Der Jude, von allen Seiten zurückgestossen, immerfort auf sich selbst angewiesen, zieht sich in sich selbst zurück und vermehrt die Stärke des Gemüts, auf sich selbst zu beruhen, immer mehr. Die Eigentümlichkeit der Lehrgegenstände und Lehrweise (der Rabbinischen Schule) hielt die in ihr Beschäftigten von aller Berührung mit der Welt zurück und stumpfte so den Sinn für die Aussenwelt völlig ab, indem sie selbst in den trägsten Köpfen den Sinn für geistige Beschäftigung erweckte. Mit dieser Ertötung der sinnlichen Reizbarkeit ist denn naturgemäss äüsserste Mässigkeit, Gerechtigkeitsliebe und somit sittlicher Lebenswandel in religiösen Schranken verbunden." Dr. L.. Phiiippson in seinem Charakterbild: „Baruch Spinoza". * * •* „Auch der gebildete Kaufmann verlangt, dass sein Knabe einige Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen erlangt, nicht weil sein künftiger Beruf es erfordert, sondern weil eine allgemeine höhere Bildung dadurch erweckt wird. Gilt es jedoch die Erlernung des Hebräischen, welches den Juden in innige Verbindung mit Vergangenheit und Gegenwart setzt--so begegnet man häufig der Frage: cui bono? zu welchem Zweck! — Als ob Unterricht nicht überhaupt Erziehungsmittel wäre! — So lange nicht ein jüdisches Selbst- und Ehrgefühl ein lebendiges Bewusstsein von der grossen Aufgabe des Judenthums und seiner Bekenner ein gerechter, freier Stolz auf die Grossartigkeit der jüdischen Geschichte, der ein jeder Jude als ein Glied mit angehört--so lange diese Güter den Kindern nicht übertragen werden, ist ihnen die volle innere Einheit entzogen, ein mächtig wirksamer Sporn zur Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit der Gesinnung abgestumpft, ein begeisterndes Gefühl in ihnen ertötet". Abraham Geiger: nachgelassene Schriften, I. Bd. S. 348.