Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Bibel und Babel
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 291 - 292 (sequence 2)
- Language
- German
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291 Bibel und Babel. 292 licher sind, als die Gebote des israelitischen Gesetzgebers. Wer war nun dieser Hammurabi? Er ist der sechste König einer Dynastie von elf Königen, die nach meiner Chronologie von 2506 bis 2202 vor der christlichen Zeitrechnung herrschte. Hammurabi selbst regierte von 2394 bis 2339, aber in diesen 55 Jahren scheint seine Regierung unterbrochen zu sein durch die Macht eines gewaltigen Nebenbuhlers Rim-Sim, so dass seine wirkliche Herrscherzeit sich auf 43 Jahre beschränkt. Jch habe im Jahre 1857 diesen König entdeckt; eine der noch heute bedeutendsten Inschriften ward vom Louvre in Paris angekauft, und ich entzifferte und erläuterte diesen Text, der sich auf die Herstellung eines Kanals zwischen Euphrat und Tigris bezieht. Seit dieser Zeit hat man Hunderte von Texten gefunden, auf denen dieser Name sich findet, und in Susa hat die französische Expedition einen grossen Daoritblock ausgegraben, aut dem sich eine sehr schön erhaltene Inschrift von 4000 Zeilen befand, von denen noch ungefähr sechs Siebentel gut erhalten sind. Der Dominikaner Pater Scheil hat dieses hochwichtige Dokument herausgegeben, transcribiert und eine erste Uebersetzung veröffentlicht. Wir werden auf diesen Text zurückkommen, müssen uns jedoch vorher mit der Rüge eines „groben Unfugs" beschäftigen, den man mit dem Namen dieses bedeutenden Mannes getrieben hat. Herr Delitzsch, freilich ist originell wie so oft, sieht in Hammurabi den Amraphel der Genesis (Kap. 14). Aus dieser Identität wird nun auf die Freundschaft Hammurabis und Abrahams geschlossen. Es giebt nichts schülerhafteres als diese Gleichstellung, und sie errinnert ganz bedeutend an die Etymologie, die aus dem griechischen alopex das deutsche Fuchs macht. Wenn man zwei verschiedene Namen kennt, so bezeichnen diese zwei Namen doch nicht eine Person; man kann mit ganz demselben Recht Schultze und Müller für ein und dieselbe Person erklären. Letzteren Beweis erspare ich meinen Lesern aus Achtung für dieselben, bemerke aber, dass diese Beweisführung um nichts mehr gewagt ist, als die Vergleichung Hammurabis und Amraphels. Aber viel ernstere Gründe sprechen gegen diese Verwechselung. Die hebräische Ueberlieferung zeichnet sich meistens durch die strengste Wiedergabe der fremden Namen aus; alle assyrischen Eigennamen sind in der Bibel mit der grössten Genauigkeit wiedergegeben, und im ganzen Buche Esther findet sich kein Name und kein persisches Wort, welches nicht streng auf altpersische Form zurückzuführen wäre. Hammurabi war König von Babel und er nennt sich selbst so; wir würden also in der Genesis lesen hl2 Ttöfi; es steht aber da: iy:v °]bü bßlEN. Amraphel, König von Sennaar oder Sumer, was dasselbe ist. Der Name Amraphel ist sumerisch wahrscheinlich Amar-pal „Glanz der Herrschaft" und gehört der sumerischen Dynastie an, die nach der elamitischen Herrscherfolge regierte. In dieser Liste der Könige von Ur, wie sie genannt wird, findet sich auch ein Iskipal. Wir dürfen nicht behaupten, dass dieser Iskipal gleich Amarpal zu lesen sei; doch ist es nicht unmöglich. Beide gehörten der sumerischen Dynastie an, die vor 2202 bis 1834 vor der üblichen Zeitrechnung herrschte; unter dieser Dynastie, wo Ur die Hauptrolle spielte, zog Abraham von Ur nach Canaan. Die Zeit dieser Herrscherreihe stimmt auch weit besser zu der Abrahams, der nicht 900 oder doch mindestens 800 Jahre vor dem Exodus gelebt haben kann, was er als Zeitgenosse Hammurabis doch hätte tun müssen. Leider sind alle Lirkunden aus der Zeit dieser Dynastie vernichtet worden, und wir kennen nur elf Namen aus dieser Herrscherreihe, die 368 Jahre über Mesopotamien von Ur aus ihre Gewalt geltend machte. Es ist eine Schwäche der Geister, zu glauben, wir müssten alles wissen und Alles wiederfinden in den uns bekannten Urkunden. So hat man sich auf die Gleichstellung von Hammurabi und Amraphel versessen, und sie sogar durch eine falsche Lesung zu verteidigen gesucht. Amraphel von Sennaar wird in der Genesis zugleich mit Kedorlaomer von Elam erwähnt, man las also in einem Briefe Hammarabis an Sin—idinna irriger Weise: Kuturnuhgamar, und triumphierte über diesen grossen Fund; es steht aber der Name Inuhsamar da, und somit ist das einzige Moment vernichtet, welches noch eine Gleichstellung dieser beiden Persönlichkeiten entschuldigen konnte. Wir haben auf die Verschiedenheit dieser Namen bestehen müssen, um die Gleichzeitigkeit Abrahams und Hammurabis zu widerlegen, und wenden uns jetzt zu dem Könige von Babel (nicht von Sennaar oder Sumer) und seinem Codex, um die Verschiedenheiten derselben zu betonen. Anstatt allgemeiner Betrachtung gehen wir gleich in medias res. Die ersten, bisher falsch übersetzten Artikel des chaldäischen Gesetzbuches lauten: „§ 1. Wenn ein Mann einen andern durch Verhexung anklagt, indem er seinen Tod herbei-