Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Rocznik Zydowski
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
- Tacitus 1× ep/1025676
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283 .284 LITTERARISCHES, APHORISMEN. Rocznik zydowski .1903—5663 4 — eine geschmackvoll ausgestattete und würdevoll gehaltene Publikation — hat den Zweck, in gedrängter Kürze alljährlich ein Bild der die Jüdisch-Nationalen Polens bewegenden Ide n und Bestrebungen vorzuführen. Das Buch bietet eine Anzahl von Dichtungen, Novellen, Abhandlungen und Essays, sowie sorgfältig ausgeführte Reproduktionen gediegener Kunstwerke. Den theoretischen Abhandlungen sieht man es an, dass ihre Verfasser mit Eifer den vielverschlungenen Gestaltungen und Problemen des jüdischen Lebens nachspüren und aus deren Betrachtung klare und anschauliche Anschauungen und Orientierungen zu erschliessen suchen. Von Interesse für alle diejenigen, wrelche die Entwicklung des national-jüdischen Gedankens in Oesterreich verfolgt haben, ist der Essay: Birnbaum von Adolf Stand. Stand ist ein getreuer Herzlianer und dürfte als solcher gegen Matthias Acher (Birnbaum) ein wenig voreingenommen sein. Doch hat er in seiner Analyse den tieferen Wesenszügen dieses einsamen Kämpfers überzeugenden Ausdruck verliehen. Zur Charakteristik mögen einige Zitate dienen: „Ein seltsamer Mensch! In Europa ganz unbekannt, der Abgott einer gewissen Gruppe. Eine historische Grösse. Er erschuf eine Idee unter den schlimmsten persönlichen und sachlichen Bedingungen. Er warZionist in der gefährlichsten Phase, als man die Bewegung noch verschwieg, er war es in jenem fatalen Zeitraum, als man den Zionismus bespöttelte; doch kaum war der Zionismus etwas geworden, verschwand er, stellte sich abseits und begann ihn in kühler Weise zu beurteilen und zu analysieren." „Eine seltsame Natur. Er entfaltet seine Wirksamkeit unter den grössten Hindernissen und liebt es, einen sandigen Boden zu bebauen. Ein geborener Rufer in der Wüste." „......Ein Stockmann'scher Typus und doch ein anderer. Er setzt sich in Widerspruch gegen alle; findet er aber Anhänger — die Nuance ist von den Poeten noch nicht verwertet worden —, so tritt er sofort gegen sie auf. . . ,u „Er ging einen anderen Weg, als die Mehrzahl der Politiker, deren Entwicklungslauf von der Opposition ausgeht und in die Regierung einmündet. Zuerst hatte er die Macht, heute steht er an der äussersten Linken ..." „ . . . Vielleicht wird er in seiner Richtung fortschreiten, eine thätige Opposition schaffen und die Andersdenkenden zu einer Gruppe organisieren, die der Tat eine Tat, der Leistung eine Leistung, der Richtung eine neue Richtung entgegenstellen wird. Und wenn das alles im Dienste der grossen Idee des neu-jüdischen Lebens geschieht, wird dieser Kampf der Principien und nicht der Personen, der Kampt der Kräfte und nicht der leeren Worte manche strittige Frage lösen, manchen Fortschritt erstreiten helfen und wird der nationalen Sache würdig, voller Begeisterung, urid voll Schönheit sein. Auf der Bahn, auf der Birnbaums hohe' Begabung verirrt ist, möge sie fortschreiten und siegelt!" Von anderen Beiträgen werden wohlein Essay über Rüben Braudes von Dr. 0. Thon, die Aufsätze : Zionismus und Religion von S a 1 o m o n Schiller und Statistik der Juden von Dr. Alfred N o s s i g die anregendsten und interessantesten sein. Xr * * Zwei Momente sind es vorzüglich, welche die Geschichte Israels besonders anregend machen, das Studium derselben zu einem der anziehendsten gestalten: Erstens. Jede andere Nationalgeschichte ist die Lebensbeschreibung eines einzelnen Volkes, wie es entsteht, sich entwickelt, mit einigen Nachbarvölkern in Berührung kommt, seinen Höhepunkt erreicht, seinem Verfalle sich zuneigt und untergeht. Die Geschichte unseres Volkes hingegen streift in ihrem Laufe alle Kulturnationen der Welt und wird darum von so reicher Mannigfaltigkeit. Sie bringt uns in enge Berührung mit Egypten, Assyrien, Babylonien, Persien, mit dem griechischen, macedonischen und römischen Reiche, sowie mit allen Völkergruppen und Staatengebilden des Mittelalters, der neueren und neuesten Zeit. Alle treffen wir auf dem Wege, wenn wir einen Gang durch die Gesichte dieses ewigen Volkes machen. Zweitens. Israel war das erste Volk, das sozusagen die Philosophie der Geschichte begründet hat*), das einen Weltgedanken im wirren Treiben der Völker herausgeahnt, eine leitende Hand, einen Zweck im Leben der Nationen erkannt, die Geschichte als das Weltgericht proklamierte. Israel stellte zuerst den Grundsatz auf, dass Völker durch Tugend gedeihen und durch Laster untergehen, und erscheint somit als Begründer der Idee einer sittlichen Weltordnung. Davon weiss weder die alte Göttersage etwas zu erzählen, noch die heidnische Geschichtsschreibung, darüber schweigen Hesiod und Homer ebenso, wie Herodot und Tacitus. Es heisst zwar schon in den alten homerischen Gesängen, dass die himmlischen Mächte in die Schicksale der Völker eingreifen und sie nach ihrem Willen lenken. So wird der Ausgang des Trojanischen Krieges als eine Verwirklichung des Willens Zeus' hingestellt: „So ging derBeschluss Zeus' in Erfüllung", heisst es in der Iliade. Allein dort sehen wir die Götter nur Partei ergreifen für ihre Lieblinge, aus reiner Willkür, ohne sittliche Motive, ohne Rücksicht auf Recht und Gerechtigkeit, ja zumeist wider alles Recht und jede gute Sitte. — Prof. Dr. M. Lazarus. *) S. Darmsteter, Les prophetes d. Israel, p. 169, und Paulsen, Einleitung in die Philosophie S. 294.