Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 275 - 276

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Hijob
Date
1903-04-01
Page
Seite 275 - 276 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583909-2586992--02780-2587063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

275 Abraham Reisen: Hijob. 276 Frau wirft ihm wirklich vor: Du „vertrinkst" 'mit Deiner Pfeife Deinen ganzen Verdienst. Und er allein empfindet es, dass die Pfeife ihn verhext hat. Einmal hatte ihm Abends für seine Pfeife ein bischen Machorke gefehlt es war das einzige Mal! — Da glaubte er wahnsinnig werden zu müssen; und er lief zu einem Nachbar, Machorke zu leihen, zu einem Goi! . . Er sagt: der Rauch macht mir nicht nur die Lunge frei vom Schleim, sondern auch den Kopf von trüben Gedanken. Und ihn plagen viele trübe Gedanken. Er sinnt über Gott, über die Bestimmung nach, und warum dem Bösen stets sein Beginnen glückt und warum die Guten und Braven geplagt werden; und noch so schwer? Wenn er so grübelt, dann packt ihn wohl die Verzweiflung, und wie ein Hammerschlag saust ihm ins Gehirn die gleichmütige Redewendung der Abtrünnigen: Das ist alles natürlich und ohne Frage in Ordnung. Und in diesem Sinnen verliert er sich ganz. In seinem Schädel rumort es. Alles fliesst ihm durcheinander; und ihm wird schwarz vor den Augen. Er tappt umher, als wollte er nach jemand langen, treibt die bösen Ideen und . . ein paar tüchtige Züge aus seiner Pfeife und schon mit den ersten Rauchringeln verschwinden die fremden Gedanken. Seine Seele wird wieder ruhig und stille; und er fühlt, dass er wieder ein Mensch wird, wie Gott ihn wünscht . . . Seine zweite Leidenschaft ist es, mit seinen Schülern Hijob zu lernen. Es ist sein weihevollstes und erhabenstes Vergnügen. Sein lichtiges Paradies in diesem Höllental der Schmerzen. Wenn bei Beginn des neuen Semesters zu ihm ein neuer Schüler ins Cheder kommt, fragt Chajim ihn zuerst: Wie weit bist Du, mein Freundchen, in Tanach? Bei Jeschajahu — antwortet der neue Schüler. Wir wollen aber mit Hijob beginnen, verstehst Du! . . Hijob . . ein feines Buch . . ein sehr feines Buch . . Anfänglich bekommt der Knabe Angst: Seine älteren Genossen haben ihm oft erzählt, dass Hijob das schwerste Buch in Tanach ist und dass Chajim- Hijob" dabei viel erklärt und deutet. Aber die Angst verliert sich, sobald das Jüngel zu lernen anhebt. Eine süsse Traurigkeit ergreift den Knaben — und ein tiefes Erbarmen mit Hijob und mit dem Rebben, der auch wie ein Hijob dem Knaben erscheint. Das erste Kapitel wird schnell durchflogen, wie eine überflüssige Vorrede: Hijobs Reichtum, Hijobs Glück. Als ob die Geschichte im ersten Jahre überhaupt vollkommen unwahrscheinlich sei und ein Zufall, der überhaupt nicht in Frage komme. Wenn Chajim aber zum Satan kommt, zu Hijobs Leiden, wie er seinen Leib mit einem Scherben schindet, dann erst ist er auf der Höhe, und mit flammender Begeisterung kommt er zum Kapitel drei: Achar ken possach Hijauw ess pihu wai kallel ess jaumau —: Und Chajim übersetzt mit Empfindung: Dann aber öffnete Hijob seinen Mund und verfluchte den Tag, da er geboren . . Wie ihn der Schmerz übermannt, da er nun Vers um Vers „lernt". Sein heiserer, trauriger Singsang quillt und quillt aus ihm und füllt das enge Cheder mit Jammern und Klagen. Mit Klageliedern über das sieche, arme Leben und die ewigen Sorgen und Leiden . . Ob die Schüler recht oder fehlerhaft nachsprechen, merkt er nicht. Denn ihm ist, als wräre er garnicht der Lehrer. Als läse er Hijob für sich ganz für sich allein . . und er stöhnt und weint und flucht und tobt gegen sein Schicksal. So lernt er ein Kapitel nach dem andern. Und unberührt hört er die Trostrede von Hijobs Freund Eliphas Hathemoni, der kam, ihm den Kopf mit törichtem Trostgerede zu wirren. Und grimmig antwortet er, hustend und fluchend -. . — So studiert er einige Kapitel, bis er müde wird. Die Süsse des Singsangs, die innere Ergriffenheit, lösen ihm die Seele . . . Nun sitzt er in Träumen und Sehnen da und raucht seine Pfeife. Und wie nun die dicken Rauchwolken in die Höhe wallen, sieht er sein ganzes Leben nochmals vorüberziehen. Wie bitter. Wie ausgestossen! Die Frau ist krank. Die Kinder krank. Vier, fünf Kinder — er weiss selbst nicht wieviel — sind in zartem Alter eingegangen. Wol an Hunger. Schon lange . . . Und er selbst, Chajim — er lebt selbst ja kaum. Die Brust tut ihm weh. Die Füsse mögen ihn kaum mehr tragen. Ohne Saft und Kräfte . . Eine tiefe Trauer breitet sich in seiner Seele, in seiner kranken Seele. Er möchte schreien und fluchen und wüten gegen sein Leben ... Und von neuem beginnt er das dritte Kapitel. Achar kein possach Hijauw ess pihu waikallel ess jaumau: — Dann aber öffnete Hijob seinen Mund und verfluchte den Tag, da er geboren. . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.