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Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 227 - 228

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Altneuland
Date
1903-04-01
Page
Seite 227 - 228 (sequence 1)
Language
German
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227 228 „ALTNEULAND". Von Achad Haam. Endlich wissen wir's. Wie oft wurde seit der Geburt des politischen Zionismus die Frage gestellt: Wie? Und wenn der Charter ausgefertigt ist, was dann? Wird dadurch die Judenfrage wirklich endgiltig gelöst, wie uns dieser Zionismus verspricht? Werden dann alle Juden der Welt, oder auch nur der grösste Teil von ihnen, in Palästina angesiedelt werden können, so dass ihrer in (Ter Diaspora nur so viel zurückbleiben, als jedes Land vertragen kann, ohne die Konkurrenz dieser „Fremdlinge" auf allen Gebieten des Erwerbslebens zu fühlen? Wenn dem aber nicht so ist, wenn die Konkurrenz der Juden nicht aufhört, dann bleiben ja die Folgeerscheinungen, der Hass und der Neid, mitsamt der ganzen Judenfrage und allem, was drum und dran hängt, bestehen. Und der politische Zionismus, der sich ja auf dem Grundsatz aufbaut, die „Judenfrage" könne nur durch Beseitigung der „Judenkonkurrenz" gelöst werden, — was hätte er dann geleistet, wenn er ohnmächtig war, d a s zu entfernen, dessen Beseitigung sein eigenstes Lebensprinzip war? Er hätte dann nur Dinge versprochen, die seine Kräfte überstiegen. Die Führer der politischen Zionisten stellen sich schwerhörig, so oft diese Frage an sie herantritt; werden sie aber an die Wand gedrängt, dann thun sie, als ob sie nicht verstünden, was man von ihnen wolle, und antworten ausweichend. Entweder sie singen ein Loblied auf Palästina, aus dem hervorgehen soll, dass es nicht ausgeschlossen sei, dass mit der Zeit sich dort Millionen Juden werden ansiedeln können, oder aber sie betonen die hohe Wichtigkeit des „JudenStaates" und dessen Bedeutung für unser nationales Leben, wenn er auch nicht das Gros der Juden umfassen sollte. Natürlich tangieren diese beiden Antworten den Kern der Frage gar nicht. Die hohe Wichtigkeit eines nationalen Mittelpunktes geben ja auch die Zweifler zu — und gerade v/eil sie die hohe Wichtigkeit eines solchen Mittelpunktes an sich einsehen, auch wenn er nur einen kleinen Teil des Volkes umfassen sollte, — gerade darum wünschen sie, es möchten auch andere einsehen, dass es nicht in der Macht des Zionismus stehe, die „Judenfrage" im materiellen Sinne durch Sammeln der Zerstreuten zu lösen, und dass es nur seine Aufgabe sein könne, durch Schaffung eines nationalen Mittelpunktes unserm Volke seine Einheit, seine geistige Kraft und die verloren gegangene nationale Würde wiederzugeben. Ebenso überflüssig ist es, jenen Skeptikern gegenüber das Lob Palästinas zu singen, da sie niemals an der Fassungsfähigkeit des Landes gezweifelt und gefragt haben: ,,Wie wird das Gros der Juden Palästina bewohnen können?", sondern stets nur: „Auf welche Weise könnte es dorthin übersiedelt werden?" Das heisst: Auf welche Weise kann diese grosse Menge ihre Heimatländer verlassen? Wenn es kleine Gruppen, etwa einige Zehntausende jährlich tun sollten, so würde ja das die Zahl der Juden in deren Heimatländern keineswegs vermindern, da der natürliche Zuwachs die Emigration aufwiegen würde. Und wenn auch die Zahl der Juden in Palästina einmal Millionen erreichen sollte, so würde das ihre Zahl in der Diaspora keineswegs verringert. Soll aber die Emigration grosse Massen, etwa einige Hunderttausende jährlich, in Bewegung setzen, so erhebt sich die Frage, wie würden solche Mengen es vermögen, in einem kleinen öden Lande sich anzusiedein und sofort Nahrung zu finden, wo es fast noch an allem gebricht, wo die Erwerbsquellen noch verborgen sind und nur langsam, nach und nach zu Tage gefördert werden können, vermittelst einer ausdauernden und umsichtigen Arbeit und auf Grund langer Erfahrung? Hat man jemals eine derartige umfangreiche und überstürzte Immigration erlebt, und beträfe sie auch ein neuentdecktes, noch so ausgedehntes Land, dessen Boden frei ist, sich leicht bestellen lässt und keine Ureinwohner hat, — und vollends Palästina, dessen Ackerboden verhältnismässig geringfügig ist und Besitzer hat, die ihn bestellen und nicht so leicht weichen würden? Es gab also nur zwei Möglichkeiten: entweder wir besiedeln Palästina auf natürlichem, langsamem Wege, dann bleibt das Gros der Juden, wo es ist, die „Judenkonkurrenz" und mit ihr die „Judenfrage" bleibt bestehen. Oder aber das Gros der Juden verlässt auf einmal seine Heimatländer und siedelt sich kurzer Hand in Palästina an, — dann liegt es den Zionisten ob, uns zu erklären, wie dieses Wunder geschehen solle, ein Wunder, das grösser wäre als alle, die uns seit dem Auszug aus Egypten bis auf den heutigen Tag widerfahren sind. Wie gesagt, wir waren bislang ohne Antwort auf diese Frage. In seinem „Judenstaat" hatte uns Herzl freilich in allgemeinen Zügen den Gang der „Erlösung" geschildert, doch eignete sich jenes noch in „vorhistorischer Zeit" entworfene Bild keineswegs, die Zweifel zu beseitigen, da es eine über Raum und Zeit erhabene Utopie war. Damals hatte das Oberhaupt der Zionisten noch nicht entschieden, w o der Judenstaat aufzurichten sei und wieviel Zeit dies erfordern würde. An einer Stelle deutet er freilich an, der Zug des Volkes nach seinem Staat müsste etwa 20 Jahre dauern, fügt aber gleich hinzu: „vielleicht länger". Ueberhaupt erachteten die „Politischen" selber jenes Gemälde nur für einen Versuch, die Sache dem gemeinen Menschenverstand näher zu bringen, für einen Versuch also, der nicht kanonisch war. Auch der Meister selber fühlte wohl, wie unbefriedigend jene Broschüre gewesen; darum beschioss er, ein neues Buch zu schreiben, in dem er des genauem auseinandersetzte, wie er sich jetzt, nach den Kongressen und dem Baseler Programm, die Körperwerdung seines Ideals ausmale, da der Judenstaat nunmehr just in Zion aufgerichtet werden müsse. . . . Dieses neue Buch, die Frucht einer dreijährigen Arbeit, liegt jetzt vor uns. Wir wissen nun, dass es nicht eine leere Phrase, sondern sein voller Ernst ist, wenn Dr. Herzl versichert, die vermaledeite Judenfrage vom Erdboden zu vertilgen dadurch, dass er die Juden aus aller Herren Ländern nach Palästina versammeln will. Er glaubt wirklich an die Möglichkeit, dieses Vorhaben durchzuführen, und dass es genau 20 Jahre dauern müsste. Was ihm früher zweifelhaft gewesen, wurde ihm jetzt zur Gewissheit. . . „Wenn Ihr wollt, ist's kein Märchen", so steht auf dem Titelblatt zu lesen, und der ganze Text des Buches ist nur ein breiter und ausführlicher Kommentar zu diesen Worten, der uns den Gang der Geschichte plastisch, leicht fasslich und klar vorführt, als stünden wir selber dabei. Um uns zu überzeugen, dass es „kein Märchen" ist, brauchen wir uns nur auszumalen, dass wir im Jahre 1923, also 20 Jahre nach Empfang des Charter stehen (wir müssen nämlich annehmen, dass der Charter etwa anfangs Herbst 1903, erteilt worden ist), und rückwärts schauend den Gang der Arbeiten betrachten vom ersten Moment bis „jetzt"

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