Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Der erste hebräische Jugend-Kalender
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 211 - 212 (sequence 1)
- Language
- German
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211 212 LITTERARISCHES \ Der erste hebräische Jugend-Kalender. An hebräischen Jahrbüchern für Erwachsene ist eher Ueberfluss als Mangel vorhanden. Die Jugend dagegen ging bis nun leer aus. Dem betriebsamen, ideenreichen und unternehmenden Ben-Avigdor, dem ausgezeichneten Leiter der Verlagsanstalt „Thuschijab" in Warschau, verdanken wir die Entstehung des ersten hebräischen Jugend - Kalenders „Luach - Olam - Katan". „Olam-Katan", „Kleine Welt" heisst nämlich die von Ben-Avigdor seit 2 Jahren herausgegebene Zeitschrift für die Jugend, welche wir zusammen mit der übrigen so reichhaltigen pädagogischen und Jugendliteratur in hebräischer Sprache, welche in den letzten 15 Jahren so üppig in die Halme geschossen, einer eingehenden Besprechung unterziehen werden. Diese ganze Litteratur ist eine der erfreulichsten Erscheinungen in dem wiedergeborenen Geistesleben der osteuropäischen Juden. Vormals gab es überhaupt keine pädagogische und keine Jugendliteratur. Ja, nicht einmal Lehrbücher waren vorhanden. Als Fibel diente das Gebetbuch, als Lese- und Lehrbuch — die Bibel und der mächtige Talmudfoliant war eben das Lehrbuch des Talmuds — andere Unterrichtsgegenstände kannte man ja nicht. Die Autoren, das waren ja die Rabbiner, tauchten tief in das Meer der heiligen Gelehrsamkeit, um Perlen hervorzuholen, wer hätte da Müsse und Geduld haben sollen, an derlei Kleinigkeiten, wie Fiebeln und Lesebücher für Kinder, zu denken?---Das ist nun Gottlob anders geworden. Wir besitzen heutzutage eine überaus reiche Auswahl mitunter vorzüglicher Schriften für die Jugend verschiedensten Alters, die sich sämtlich auf dem Grundsatz aufbauen: „Jüdisch auf allgemeinmenschlicher Grundlage", und nicht eine einseitige Bildung des Ver Standes und des Scharfsinns, sondern eine gleichmässige harmonische Entfaltung aller Seelenkräfte anstreben. Ihnen reiht sich würdig der „Luach-Olam-Ratan" an. Der praktische Teil ist wirklich praktisch und den Bedürfnissen der Jugend angepasst. Der umfangreiche litterarische Teil enthält eine Reihe ausgezeichneter, dem jugendlichen Alter entsprechender Erzählungen, Gedichte und Märchen von J. Steinberg, S. Asch, S. L. Gordon, N. Pines, S. Z. Lewin u. a. Auch einige wohlgelungene Uebersetzungen finden sich da, darunter die Uebertragung eines wunderschönen, das kindliche Gemüt tief ergreifenden Gedichtes von der grossen polnischen Dichterin Maria Konopnicka, überschieben „Im Keller". Zu tadeln ist es, dass sich nur ein einziger wissenschaftlicher Artikel im Kalender findet, nämlich über die Seidengewinnung, von J. Grasowski. Die Vignetten für die einzelnen Monate sind feinsinnig entworfen und bieten heitere und ernste Szenen aus dem jüdischen Leben der betreffenden Monate, doch sind die Typen überwiegend geradezu hässlich! Den Kunstsinn der Kinder aber entwickelt man durch den Anblick des Schönen! In der Jahreschronik werden seltsamerweise überwiegend die verschiedenartigen Feste und Jubiläen ND APHORISMEN. verzeichnet, die in der jüdischen Welt gefeiert wurden. Den Kindern soll man aber eher zeigen, wie in der Welt gearb eitet wird. — Trotz dieser kleinen Mängel, die im nächsten Jahrgang leicht abzustellen sind, verdient der Kalender die höchste Anerkennung und weiteste Verbreitung. * * * „Die Thatsache begegnet uns häufig in der Geschichte der Menschheit, dass ein Volk im eigenen Lande und mit eigener Kultur von einem anderen mächtigeren Volke besiegt, unterjocht und seiner freien Selbständigkeit beraubt wird. Viele Völker sind daran völlig zu Grunde gegangen; von den Siegern beherrscht, zur Frohne herabgedrückt, welche jedes eigene Streben ertötet, haben sie mit der Zeit ihre Eigenart und ihre Kultur eingebüsst und so sind sie denn im Herrenvolke als minderwertige Glieder aufgegangen und aus der Reihe der Nationen verschwunden. Andere Völker ^dagegen haben es vermocht, sich aufzuraffen; die Besiegten sind wiederum Sieger geworden und mit wiedergewonnener Freiheit und Selbständigkeit haben sie den Weg eigener Kulturthätigkeit fortgesetzt. — Unerhört aber ist es in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechts und als eine Thatsache ohne Gleichen steht es da, dass ein Stamm, welcher wegen seiner Minderheit und Besitzlosigkeit in der Fremde zur Frohne gedrückt war, ohne eigene Kultur und ohne selbständige That eine lange Zeit hingeiebt hat, dennoch den Auszug aus dem Herrenlande gefunden; dass eine Sklavenhorde zu einem Volke geworden und die Bahn einer eigenen Kultur eröffnet hat. Davon, dass diese Kultur, die höchst eigenartige, religiössittliche Kultur, unter göttlicher Führung allmählich zur Grundlage und Triebkraft in den gewaltigen Gebilden der höchstentwickelten Nationen werden sollte, brauche ich hier nicht zu reden. In der biblischen Erzählung ist dieses einzigartige Ereignis mit zahlreichen Wundern umstellt und in dem auf das Ideale gestimmten Gemüt der Nachkommen hat die Phantasie ihre Schwingen entfaltet und unerschöpflich Wunderlegenden hinzugedichtet. Grösser aber als alle diese Wunder ist die einfache, dürre Thatsache; ja diese Thatsache, dass aus einem Sklavenhaufen, aus einem unter dem Joch der drückendsten Frohne seufzenden Stamm, ohne Heimat, ohne Ordnung, ohne Geschichte, dass aus diesem Stamm ein Kulturvolk, das Kulturvolk der Religion und Sittlichkeit, geworden, diese Thatsache allein ist das grösste aller Wunder, welche denkbar sind." M. Lazarus. Aus einer Tischrede.