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Ost und West · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. Seite 177 - 178

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
Henryk Glicenstein [Illustration]
Date
1903-03-01
Page
Seite 177 - 178 (sequence 1)
Language
German
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177 178 HENRYK GLICENSTEIN von Rosalie Perles. Mit vier Worten wäre das Lebensbild, das hier entworfen werden soll, in seinen Grundzügen zu zeichnen. Er ist aus Russisch-Polen, er ist Jude, er ist arm, er ist ein Künstlergenie. Was noch zu sagen ist, bildet nur eine Ausführung dieses Grundrisses, der eine vierfach verschlungene Linie von Kampf und Pein, von Not und Verzweiflung ist. Dass es Henryk Glicenstein gelungen ist, sich hinauszuretten, dass er aus materiellem und geistigem Elend emporgelangt ist auf die Höhen der Kunst, dass aus ihm sogar ein plastischer Künstler geworden ist — nach dem starren jüdischen, bei ihm daheim herrschenden Gesetz das Sündhafteste, das man werden kann —, das ist eines der Wunder, die nur das wahrhafte Genie vollbringen kann, die urwüchsige, durch nichts zu hemmende Schöpferkraft, der göttliche Funke, den kein Hindernis aufhält im Anwachsen zur lodernden Flamme. In der Nähe der kleinen Stadt Turek in Russisch- Polen wurde Henryk Glicenstein im Mai 1870 im Gartenhause seiner Grosseltem geboren. Weisse Kirschbaumblüten grüssten zu den Fenstern herein, Frühlingsduft, Sonnenschein, Vogelgesang, ein von reichem Baumschmuck beschatteter Strom, das darüber hinziehende Gewölk — so sehen die frühesten Jugenderinnerungen an ein Paradies aus, aus dem allzufrüh der Knabe vertrieben wurde. Nur die ersten Kinderjahre durfte das träumerische Kind sich seiner Kinderphantasie hingeben; stundenlang lauschte es in der Einsamkeit dem Gesänge der Vögel, betrachtete die sich im Winde wiegenden Laubkronen und sog die unvergängliche Liebe zur Natur so tief in seine Kinderbrust ein, dass alle späteren Schicksale nicht vermochten, sie ihm zu entreissen. Nicht lange Hessen diese Schicksale auf sich warten. Das grosselterliche Haus wurde baufällig. Nur noch einen Winter durfte er in demselben bleiben und laut klagend am Kamin den heulenden Wind akkompagnieren. Dann musste es abgetragen werden. HENRYK GLICENSTEIN. Auf den Trümmern des grosselterlichen Hauses, im Schutt der eingerissenen Mauern, unter denen das Paradies seiner Jugend begraben wurde, hat er seine ersten künstlerischen Versuche gemacht und einen phantastischen Bau nach dem anderen aufgeführt. Armes jüdisch-polnisches Kind! Was an dir gesündigt wurde, damit stehst du nicht allein, du hast viele tausende von Gefährten, die wie du im überfüllten Cheder vom frühen Morgen bis zum späten Abend in einer Luft, die den Atem raubt, festgehalten werden, die wie du ihre liebe, lange Jugend hindurch nichts wissen von Licht, Luft und Sonne und statt dessen den Kopf mit schwer verdaulichem Stoff überladen müssen, bis ihr armes Gehirn davon zum Zerspringen voll wird. Zu plötzlich, gleichsam über Nacht, waren sowohl die Eltern wie auch die Grosseltern Glicenstein's bis zur Armut entblösst. Der Vater Glicenstein's, der bis dahin keinen Erwerb aus seinem Talmudstudium gemacht hatte, musste fortan als „Melammed" sein Leben und das seiner Familie fristen. Er zog aufs Land in die Warthe-Gegend, unterrichtete fremde Kinder und wurde auch dem Knaben Henryk „Erzieher und Lehrer". Man weiss, worin das Erziehen und Lehren im Cheder bei dem polnischen starrgläubigen Melammed besteht. Ein gelehrter Talmudist sollte aus dem Knaben werden — einen anderen Gedanken oder Wunsch kannte der Vater nicht. Da aber das Talmudstudium unserm Henryk um keinen Preis in den Kopf hinein wollte, wurde es ihm mit Stockschlägeh beigebracht. War der Vater dem eigenen Kinde gegenüber hart und erbarmungslos, so zeigte er sich den Armen als weichherziger Wohlthäter, indem er die sauer verdienten Pfennige verschenkte, unbekümmert darum, wovon die eigene Familie leben sollte. Durch seine immerwährenden Spenden an die Armen ruinierte er seine Familie und schliesslich auch das kleine Geschäft, das die Mutter gegründet hatte. Der Sohn hat vom Vater nur die eine Seite, die

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