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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 2 (Januar 1903) · p. Seite 139 - 140

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 2 (Januar 1903)
Article
Der Freund
Date
1903-01-01
Page
Seite 139 - 140 (sequence 2)
Language
German
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139 Miscellen und Aphorismen, 140 hat sich als langjähriger Generalsekretär der grossen „Gesellschaft zur Förderung des Wissens unter den Juden" grosse Verdienste um die Aufklärung des jüdischen Volkes in Russland erworben. Der Mitherausgeber, Herr S. Rapaport, zählt ebenfalls zu den Spitzen der jüdischen Intelligenz der Reichshauptstadt Russlands. Da ein Tageblatt naturgemäss den Tagesfragen die ganze Aufmerksamkeit zuwenden muss, so wird fortab die Pflege der schönen Litteratur und der populären Wissenschaft der von Ben-Avigdor, dem feinsinnigen Schriftsteller, in Warschau (Verlag „Tuschijah") trefflich redigierten Wochenschrift „Jüdische Volkszeitung" (mit der Beilage „Jüdische Frauenzeitung") zufallen. Das Zusammenwirken der beiden Organe kann bei guter Arbeitsteilung viel zur moralischen und kulturellen Hebung des jüdischen Volkes beitragen. Baron Horaz von Günzburg, dessen Bild wir hier bringen, darf in diesem Monat auf eine vierzigjährige rastlose Thätigkeit im Dienste der russischen Judenheit zurückblicken. Mit nie erlahmendem Eifer hat er, seit 1863 als einer der thätigsten Führer der in der oberen BARON HORAZ VON GÜNZBURG. Notiz erwähnten „Gesellschaft zur Förderung des Wissens unter den Juden" und seit 1879 als Vorsitzender dieser bedeutenden Gesellschaft, sein reiches Wissen, sein hervorragendes organisatorisches Talent und sein Vermögen in den Dienst der Aufklärung gestellt, immer von dem Gedanken geleitet, dass der Besitz an Elementarbildung für die schwerbekämpften russischen Brüder eine Erleichterung im Kampf ums Dasein bringen müsste. Auch ausserhalb dieses Wirkungskreises hat er, wo immer es sich wirtschaftlich, politisch und erziehlich um die Sicherung und Höherstellung der Judenheit handelte, ratend und mit offnen Händen spendend mitgearbeitet. Eine grosse Reihe jüdischer Künstler hat er über die schwere Anfangszeit hinübergerettet und ihnen die Entfaltung ihrer Eigenart ermöglicht. So hat er sich die Liebe der gesamten jüdischen Bevölkerung erworben, die auf ihn wie auf ihren Patriarchen blickt. Sein Name aber soll verewigt werdenin einer von der gesamten russischen Judenschaft zu schaffenden Stiftung für Ausbildung und Unterstützung jüdischer Lehrer — welchen der Baron stets sein lebhaftestes Interesse gewidmet hat. „Der Jude" von Maxim Gorki. Das neue Werk, welches Maxim Gorki über die Juden in Russland zu schreiben versprach, ist ein Theaterstück, das demnächst beendigt werden soll. Ueber dieses neue Theaterstück, welches den Titel „Der Jude" führen wird, verlautet, dass dieses Stück, an wrelchem Gorki bereits drei Jahre arbeitet, ausschliesslich dem Leben der Juden in Russland gewidmet ist, das Gorki so genau kennt. Auf seinen Wanderungen durch Südrussland hatte Gorki nämlich Gelegenheit, die Juden allseitig kennen zu lernen. In seiner bekannten Erzählung „Kain und Artein" entrollte Gorki bereits ein Bild aus dem Leben der Juden in Russland, das an Realismus und poetischem Zauber unübertrefflich sein dürfte. Ueber den Charakter seines neuen Stückes äusserte sich Gorki unlängst, dass er seine Wahrnehmungen, welche nur der reinsten Wahrheit dienen sollen, über die Juden bekannt geben wolle. Die ersten Seiten seines neuen Stückes las Gorki im Freundeskreise bereits vor; sie weckten laute Begeisterung durch ihre unmittelbare Wahrheit und tiefe Kenntnis der Charaktere. Das neue Theaterstück wird zur Erstaufführung im künstlerischen Theater zu Moskau gelangen. („Die Welt") „Das Judentum beruht ausser seinem dogmatischen (theologischen) und sittlichen Gehalt auf Geschichte; aber es hat nicht bloss, es ist Geschichte; nicht Geschichte, die man bloss erzählt oder beschreibt, sondern Geschichte, die man erlebt und lebt. Judentum ist historische Wirklichkeit. Jude sein heisst deshalb in der lebendigen Geschichte des Judentums stehen, sie mit erleben; ein guter Jude aber ist derjenige, der diese Geschichte mit Innigkeit und Hingebung miterlebt, dem die Erhaltung und Erhebung, die Ehre und die Würde, der Fortbestand und die Fortbildung des Judentums am Herzen liegt. Glücklich derjenige, der dazu mitwirken kann; die Pflicht eines Jeden aber ist es, sich als lebendiges Glied der Gemeinschaft zu fühlen, ihr Schicksal als eigenstes Erlebnis zu empfinden." M. Lazarus.

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