Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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OsF^esr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und von LEO WINZ. Schriftstellern Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 2 Januar 1903 III. Jahrg. FORDERUNG UND FORDERUNG DER WISSENSCHAFT DES JUDENTUMS. Von Dr. med. Theodor Zlocisti. Am 7. November 1819 wurde in Berlin ein „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" gegründet; und als er etwa vier Jahre darauf eines sanften Todes an Entkräftung starb und nach dem Willen von Zunz ohne verzweifelte Anklagereden stille bestattet wurde, nahm er viele und jugendfrohe, sonnige Hoffnungen ins Grab. Und die die jungen Keime ausstreuten und in Zukunftsfreude schwelgten, dass sie die frühlingszarten Triebe hegen dürften, fühlten gar bald die eisige Hand der Wirklichkeit. Verbittert und zerrissen und in tiefster Seele gebrochen zogen sie sich zurück. Die Tragödie der Sehenden hatten sie schnell und mit elementarer Wucht erfahren: Sie hatten ihre Zeit in ihrer historischen Bedeutsamkeit erkannt. Wo die Stammesbrüder stumpf und blind hinlebten, sahen jene die neue Zeit in die Zelte Jacobs eindringen und die alten Stützen unterspülen. Einst, als uns die rohe Kraft von heimischer Scholle riss, bildeten unsere Weisen das Judentum in eine Dauerform um, die hartnäckig dem Wandel des Geschickes und der wechselnden Temperatur fremdvölklicher Antipathieen trotzte. Nun zog die Sonne der Emanzipation herauf. Sie wurde zwar nur heraufgezogen: denn sie war eine Theatersonne, die nur so that, als ob sie wärmte und leuchtete. Aber es war dennoch eine neue Zeit, die — auch ohne ausgesprochene Edikte! — auf dem Umwege des Emporsteigens des dritten Standes und seiner zu einem Hauptfaktor im politischen und kulturellen Volksleben anschwellenden Bedeutung das Judentum umspülte und durchsickerte. Es war uns eine Uebergangszeit mit entscheidender Umformung. Wird das Judentum leben oder sterben? Wird das Feuer es vernichten oder — das Wasser? Ein breiter Spalt klaffte durch unsere Gemeinschaft; und nicht nur die Rotte Korah versank darin .... Aber dieser Riss ging mitten durch das Herz jener Männer, die in verzweifeltem Schrecken — der nicht lähmte, sondern die junge Kraft aufpeitschte — erkannten, wie der ewigkeitgefügte alte Boden langsam unter den Füssen der Brüder fortglitt, ohne dass ein neues Wurzelreich anschoss. Da galt es denn den alten Stamm mit der neuen Zeit und ihren gewandelten Lebensformungen und Lebensbedingungen in Harmonie zu setzen und Brücken zu schlagen. Durch die Wissenschaft! Nur die Wegesrichtung kannten sie. Das Ziel lag noch in dichtem Nebel: Es musste eine Art Anpassung an die Umwelt und Erhaltung der Eigenwelt sein. Aber das Mischungsverhältnis blieb verborgen, das lebensfähige Ganzheit und Einheit schaffen sollte. Nur in Zunz's Seele haben sich die Komponenten zu einem engen Ineinanderschluss gefügt. Es waren keine mechanischen Anlagerungen von neuem Zeitgeist und überkommener Artung. Sondern ein neues Ganzes — eine chemische Verbindung. So