Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 71 - 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Revue der Presse
Date
1903-01-01
Page
Seite 71 - 72 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583906--02502-2586660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

71 Revue der Presse. 72 und wieder beginnen werden, auf den Pariser Bouvelards neue Orgien zu feiern. Die französischen Juden haben daher beschlossen, ein Schutzkomitee gegen antisemitische Angriffe zu gründen, und haben zu diesem Behufe eben einen Aufruf an sämtliche Juden in Frankreich und Algier erlassen. Der Aufruf trägt die Unterschriften der Herren Aron, Mitglied des ZentralconsistoriumSj des Dr. Dreyfus-Brisac, Mitglied des Centralconsistoriums der Alliance, Narcis Leven, Präsident der Alliance, Salomon Reinach, Mitglied der französischen Akademie, und des Mr. Levaillant, gewesener Präfekt und Direktor der Abteilung für öffentliche Sicherheit im Ministerium des Innern. Der Aufruf betont, dass der neue Verein alle religiöse Meinungsverschiedenheit im französischen Judentum ausser Betracht lassen werde, da der Antisemit sich ebenfalls darum nicht kümmert, ob der von ihm angegriffene Jude liberal oder orthodox gesinnt ist. Auch will der Verein seine Thätigkeit ausschliesslich auf Frankreich beschränken. Die Not der Juden in ausserfranzösischen Ländern geht zwar dem Komitee sehr nahe, was auch durch die Thatsache bewiesen wird, dass einige seiner Mitglieder an der Spitze der Alliance stehen, allein bei der in Betracht kommenden Frage müssen die Mitglieder des Vereins nicht als in Frankreich wohnende Juden, sondern als Franzosen handeln, deren Bürgerrechte mit Füssen getreten werden. Natürlich frohlocken die französischen Antisemiten und reden wieder von dem jüdischen Syndikat, das sich endlich ans Tageslicht wagt. Allein auch die französischen Juden sind durch die bitteren Erfahrungen während der Tage der Dreyfus-Affaire klüger geworden und fragen bei ihrem Thun und Lassen nicht mehr darnach: „Was werden wohl die Antisemiten dazu sagen?" * :i: * Aus London wird der „Jüdischen Presse" geschrieben: Die Königliche Kommission zur Untersuchung der Frage der Fremden-Einwanderung hat gestern nach Schluss der Parlaments-Ferien unter dem Vorsitze des Lord James von Hereford ihre Sitzungen wieder aufgenommen. Der Oberpfarrer des Stadtbezirks Stepney, A. E. D a 11 o n , der sich sonst wenig freundlich äusserte, hob die bewundernswerte Nüchternheit der eingewanderten Juden hervor. Verschiedene Schankhäuser in den jüdischen Vierteln hätten schliessen müssen, weil sie aufhörten, etwas zu verdienen. Der Geistliche von St. Jude in Whitechapel, J. Carter, bekundete, sein Gemeinde-Bezirk zähle bei Tage 6000-7000 Juden. Wieviele bei der Nacht seien, könne man nicht sagen. Es sei das Verdienst der Juden, dass allmählich aus seinem Bezirk sämtliche öffentliche Häuser verdrängt wurden. Ein Schulinspektor, S. Mather, sagte aus, im Gemeindebezirke Tower Hamlets gebe es fünf rein jüdische Schulen mit 6180 Kindern. Sechzehn andere würden hauptsächlich von jüdischen Knaben und Mädchen besucht. In jeder dieser Schulen sei mindestens ein jüdischer Lehrer angestellt. In Whitechapel bestehe die Mehrzahl der Schulkinder aus Juden, und in den Bezirken St. George, Stepney und Mile End nehme der Prozentsatz stetig zu. Die jüdischen Eltern halten sehr streng auf den Schulbesuch ihrer Kinder und geben in dieser Beziehung den ISFichtjuden ein glänzendes Beispiel. Die jüdischen Kinder seien den Lehrern gehorsam und leicht zu leiten, hatten guten Verstand und gaben den Lehrern überhaupt dankbares Material. Auch stünden die jüdischen Kinder körperlich nicht hinter den anderen zurück. Der Zeuge schloss seine Aussagen mit dem Rate, die englische Regierung und die Vorstände der jüdischen Gemeinden sollten gemeinsam dafür sorgen, dass die jüdischen Einwanderer sich nicht weiter in dieselben uberfüllten Stadtgegenden drängen, sondern dass sie mehr über das Land verteilt würden. Ein Schui-Inspektor vou Bethui Green, Matthews, schloss sich diesen Bekundungen an, gab aber zu, dass Hass gegen die ausländischen Juden vorhanden sei. Sir Alfred Newton, ein früherer Lord Mayor der City von London, wies darauf hin, dass 15 bis 20 pCt. der vor dem Gerichte des Mansion House angeklagten Personen Ausländer seien, meist Deutsche und Italiener, aber nur äusserst selten Juden. * * * Wie die „Welt" berichtet, finden sich unter den Opfern der Erz-Schwindlerfamilie H u m b e r t folgende Juden: Halphen mit 1250000 Francs; Haas mit 900000 Francs; G. Levy mit 900000 Francs; Paul Bernhard mit 3000000 Francs; Oppenheimer mit 1 700000 Francs; Hadamard 180000 Francs; Madame C a h n 200 000 Francs; Salvador Cahn 250 000 Francs; Samuel mit 1000000 Francs Haben die Humberts nicht Grund, .Antisemiten zu sein? Abonnements preis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3*50, für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. ,______Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen" —.-,-Ä ---"---"—- Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. " ' Anzeigen 50 Pfennig die vier gespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt, Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise* Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVABY & Co. (Inh. HUGO BLOCH & Dr. P. GOTTHELF), Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin NW., Neue .Wilhelmstrasse 1. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Aitonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von J. S. Preuss, Berlin SW. 19.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.