Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Die Staatsmänner Englands und Amerikas für die rumänischen Juden [Kommentar]
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 69 - 70 (sequence 1)
- Language
- German
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70 REVUE DER PRESSE. Die Staatsmänner Englands und Amerikas für die rumänischen Juden. Das in London periodisch erscheinende „Rumänische Bulletin" bringt in seiner neuesten Nummer vom 5. d.M. wieder einige interessante Aeusserungen bekannter englischer Staatsmänner über die Verfolgung der Juden in Rumänien. So schreibt der offizielle Führer der liberalen Partei, Sir Henry Campbell-Bannerman: Ich erfahre mit Freuden, dass Sie bemüht sind, die Frage der rumänischen Juden bei dem Publikum wachzuerhalten. Die Behandlung dieser Leute ist so hart, ja grausam gewesen, dass alle Freunde der Freiheit und Humanität sie verurteilen müssen. Unsere Hoffnung muss die bleiben, dass die allgemeine europäische Meinung die rumänische Regierung veranlassen wird, ihre jetzige Politik aufzugeben. Sir William Harcourt sagt: Ich habe mit grossem Bedauern und mit Missbilligung über die Behandlung der Juden in Rumänien gelesen, und ich bin überzeugt, dass der Unwillen, den diese Behandlung bei Leuten jedes Glaubens und jeder Richtung hervorruft, dazu dienen wird, dieser Verfolgung ein Ende zu machen. Ein Schreiben des Herrn Asquith, des früheren Ministers des Innern, hat folgenden Wortlaut: Ich stimme von Herzen in den Protest ein, der fast in jedem Teile der Welt gegen die Behandlung der Juden in Rumänien erhoben wird. Die Regierung Rumäniens hat sich durch ihr Verhalten gegen ihre jüdischen Unterthanen die Sympathie und die Achtung aller Derer verscherzt, denen Freiheit und Gerechtigkeit theuer sind. Das Parlamentsmitglied Jesse Collings: Die grausame Verfolgung der Juden in Rumänien berechtigt zum grössten Misstrauen gegen die Regierung jenes Landes. Mir scheint es die Pflicht der Berliner Vertragsmächte, einen gemeinsamen ernsten Protest gegen das Vorgehen zu veranlassen, das einem Bruch jenes Vertrags durch die rumänische Regierung gleichkommt. Die von rumänischer Seite zur Entschuldigung angeführte Thatsache, dass die gegen die Juden erlassenen Gesetze nicht strenger sind als die gegen andere Ausländer, ist nur eine Ablenkung von der Frage, denn die Juden sind keine Ausländer, sondern meist in Rumänien geboren und aufgewachsen. Es freut mich, dass die amerikanische Regierung Stellung zur Sache genommen hat. Es müsste vor allen Dingen der rumänischen Regierung klar gemacht werden, dass ihre grausame Politik von den anderen Völkern als ein der Humanität und Civilisation angethaner Schimpf betrachtet wird. Major Evans Gordon, Mitglied des Unterhauses und der königlichen Kommission zur Beratung der Fremdeneinwanderung: Ich freue mich, dass ich meinen Namen der langen Liste derer anfügen kann, die ihre Sympathie mit den rumänischen Juden und ihre Entrüstung über die Behandlung ausgesprochen haben, die sie von Seiten der rumänischen Regierung erfahren. Nachdem ich kürzlich Rumänien in der Absicht bereist habe, mich über die Lage der dortigen Juden zu vergewissern, kann ich ohne Zögern behaupten, dass diese Lage so schlecht ist wie sie geschildert wird. Die Einmischung der Mächte, zur Verbesserung dieser Lage ist vollständig missachtet, die Abmachungen, auf denen Rumäniens Unabhängigkeit beruhen sollte, sind bei Seite geschoben und verletzt worden. Es scheint nicht viel Aussicht dazu vorhanden zu sein, dass die europäischen Regierungen in dieser Angelegenheit gemeinschaftlich vorgehen werden; aber ich hoffe, dass England und Amerika sich unter allen Umständen in dem Bestreben zusammenfinden werden, einen besseren Zustand zu Wege zu bringen. In Rumänien selbst setzen die Juden grosse Hoffnungen darauf, dass die grossen jüdischen Bankhäuser einen finanziellen Druck ernstester Art auf die rumänische Regierung ausüben können, wenn diese demnächst ihren Beistand brauchen wird. Schatzanweisungen im Gesamtbetrag von 175 Millionen Francs werden im Dezember 1904 fällig und werden erneuert werden müssen. Wenn diese Operation vorübergehen sollte, ohne dass eine bessere Behandlung für die jüdischen Unterthanen König Karols erwirkt wird, wird ihr Los in der That ein beklagenswertes sein. * * * Der „Oesterreichischen Wochenschrift" wird aus Paris geschrieben: Nachdem der lärmende Antisemitismus seit dem energischen Auftreten Waldeck-Rosseau's sich feig ins Hundeloch verkrochen hat und die Juden wenigstens vor pöbelhaften Insulten auf der Strasse gesichert sind, finden sie nunmehr Müsse, auch an die Zukunft zu denken und weise Vorbereitungen für die Zeit zu treffen, wo unter einem anderen Ministerium die französischen Antisemiten bessere Geschäfte zu machen hoffen dürfen