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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 31 - 32

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Geistige Strömungen im Judentum
Date
1903-01-01
Page
Seite 31 - 32 (sequence 2)
Language
German
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31 Dr. S. Bernfeld: Geistige Strömungen im Judentum. 32 Wie sich jemand am Leben beteiligt und es bethätigt, ist gleichgiltig; die Hauptsache ist doch., dass einem das Leben wertvoll erscheint. - Alle Juden, die nach irgend einer Richtung hin das geistige Niveau des jüdischen Stammes zu heben bemüht sind, alle, die an einem Zweig des öffentlichen Lebens thätig sind, die gemeinnützige Arbeit forden, neue Werte schaffen oder selbst die alten wieder in Kurs setzen — alle sind sie willkommene Mitarbeiter am allgemeinen Wohl, und deren Wirken ist verdienstvoll. So reich sind wir noch nicht an geistigen Kräften, dass wir uns den Luxus leisten könnten, uns zu zersplittern; wir müssen vielmehr bestrebt sein, unsere Kräfte zu sammeln. Ich glaube, dass alle Wege nach Zijon führen, nur überlassen wir es jedem Einzelnen, sich sein Zijon so zu denken, wie es ihm besonders lieb und erstrebenswert erscheint. Das geistige Zijon, die Idee des Judentums, steht nicht minder hoch als das örtliche. In Deutschland ist in der letzten Zeit unter den Juden eine starke Strömung vorhanden, die Kenntnis des Judentums und die Liebe zu ihm unter unsern Brüdern zu verbreiten. Diese Arbeit mag nicht vollkommen sein — welches menschliche Werk ist es überhaupt? —, aber sie darf nicht in ihrem Wert unterschätzt werden. Neben den Litteraturvereinen, die auf. ein zehnjähriges Bestehen zurückblicken können, und neben verschiedenen älteren Institutionen dieser Art ist letzthin in Berlin ein Verein ins Leben gerufen worden, die Wissenschaft des Judentums zu fördern. Als Einzelerscheinung kann man darüber verschieden urteilen; fassen wir die Sache symptomatisch auf, so lässt sich nicht verkennen, dass in der deutschen Judenheit der Wunsch vorhanden ist, das Judentum zu erhalten, und zwar nicht nur als Religion, sondern auch als kulturelle Erscheinung. Das rein wissenschaftliche Interesse allein ist es gewiss nicht, das Männer in verschiedener Lebensstellung und von verschiedener religiöser Ueberzeugung zusammenführt, um im Volk die Kenntnis des Judentums zu fördern. Auch wurde dabei ausdrücklich der Wunsch laut, der Verein soll seine Thätigkeit für Wissenschaft und Leben entfalten. Man kann überhaupt solche Vereine mit jenen, die zu ausschliesslich wissenschaftlichen Zwecken ins Dasein gerufen werden, nicht vergleichen. Mit solcher Wärme und Begeisterung wird niemand eine Gesellschaft zur Erforschung der ägyptischen Altertümer gründen wollen. Dasselbe gilt von den Vereinen und Institutionen zur Erschliessung Palästinas, zur Feststellung einer jüdischen Volksstatistik, zur Verbreitung der Korrekturs des Hebräischen u. s. w. Mögen die Kräfte, die sich dieser Arbeit widmen, unzulänglich sein, und die dafür vorhandenen Mittel noch mehr — jedenfalls aber sind es Bestrebungen, die man vor Jahren garnicht für möglich gehalten hätte. Ebenso sind der Verein für jüdische Volkskunde, der jüdische Verlag, die verschiedenen Versuche, unter den Juden das Interesse für jüdische Kunst wachzurufen, was auch zum Teil von Erfolg war, als erfreuliche Symptome des erwachten Lebens zu betrachten. Wie man sich dazu auch stellen mag — wer Sinn für das Leben hat und die Judenheit nicht gerne eingesargt und für immer begraben sehen möchte, wird sich darüber freuen. IL In der deutsch-jüdischen Jugend gährt es zur Zeit mächtig. Diese Jugend ist in einer Zeit aufgewachsen, wo der Name „Jude" zum Schimpfwort geworden ist, und gerade sie will ihn zu einem Ehrentitel machen. Man weiss, dass ein Teil zionistisch und ein anderer national-jüdisch ist. Freilich halten sich viele von dieser Bewegung fern und erblicken nach wie vor ihr Ideal in einer völligen Verschmelzung mit der Umgebung. Aber ohne uns auf das zahlenmässige Verhältnis der nationaljüdischen Jugend zu der assimilatorischen einzulassen, müssen wir doch zugeben, dass die Assimilationsbestrebung — mag sie an sich berechtigt oder unberechtigt sein — jedenfalls jetzt ein Anachronismus ist. Ich begreife es recht gut, wie eine hervorragende selbständige Persönlichkeit ihren eigenen Weg gehen und geradezu isoliert sein will. Aber ein ganzes Geschlecht kann sich nicht vereinsamen. Die jüdische Jugend, soweit sie das Judentum noch liebt, sieht sich vor die Wahl gestellt, entweder dieses Judentum für eine Schande zu erklären oder für etwas, das man höchstens noch als verzeihenswert betrachten mag. Das innere Gefühl wird ebenso dadurch beleidigt, wenn man uns das Judentum zum Vorwurf macht, wie wenn man es uns verzeiht. Wir wollen nicht, dass es uns vorgeworfen, aber auch nicht, dass es uns verziehen werde. Aus diesem Gefühl heraus entstanden die national-jüdischen Studentenvereine. In Kreisen, in denen die Erhaltung des Judentums ernstlich angestrebt wird, sollte man sich doch über diese Erscheinung klar werden. Auf der Rabbinerversammlung in Frankfurt wurde zum erstenmal die jüdisch-nationale Bewegung diskutiert, und nur durch die Klugheit und Taktsicherheit des Vorsitzenden ist es verhindert worden, dass da die Geister auf einander sehr drohend platzten. Für den Rabbinerverband war dies zweifellos ein grosser Vorteil; aber es wäre vielleicht doch gut gewesen, wenn es in Frankfurt zu einer freimütigen Aussprache über die nationale Bewegung gekommen wäre. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich es hier sage, dass die .jüngeren Rabbiner zumeist zionistisch gesinnt sind, und auch unter den älteren sympathisieren manche mit diesen Vorgängen. Im Grunde genommen ist dies natürlich; das Gegenteil davon müsste uns Wunder nehmen. Wenn man in manchen Kreisen deshalb ängstlich ist, weil dadurch angeblich die politischen Rechte der. Juden in Westeuropa in Frage gestellt würden, so muss darauf erwidert werden, dass man nirgends erst auf die zionistische Bewegung gewartet hat, um den Juden ihre Rechte zu verkümmern. Nicht der Zionismus hat den Antisemitismus geschaffen, sondern umgekehrt, durch die wütenden Angriffe auf Juden und Judentum ist bei vielen Juden das jüdisch-nationale Ehrgefühl wachgerufen worden.

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