Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 1902
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 3 - 4 (sequence 2)
- Language
- German
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3 Prof. M. Philippson: Rückblick auf das Jahr 1902. 4 zusammen finden und dort jüdische Ueberlieferung, jüdische Aufgaben, jüdisches Wesen und jüdische Gesinnung in bester Auffassung des Wortes pflegen und befördern. Es giebt glücklicherweise, trotz der Furchtsamkeit unserer „Führer", jetzt viele Tausende von Israeliten, die sich nicht in scheuer Ghettofurcht ducken und bei den Andersgläubigen um Zulassung winseln oder dem Antisemitismus mit thörichten und feigen Selbstbeschuldigungen schmeicheln, die sich vielmehr offen um ihr vieltausendjähriges- Banner schaaren und stolz für den Löwen Judas eintreten. Fluctuat nec mergitur steht auf dem Wappen der Stadt Paris — „die Fluten schütteln uns, aber versenken uns nicht" — und das ist auch der Wahrspruch und das Geschick des Judentums seit ältesten Zeiten. Oft von Sturm und Wellen gepeitscht, mit dem Untergange bedroht, entfaltet sein Schiff noch immer die weithin schimmernden Segel, und gerade, wenn man es von den Wogen verschlungen wähnt, taucht es kühn und wetterfest wieder aus ihnen auf. Es muss eine gewaltige innere Festigkeit und eine erhabene menschheitliche Bedeutung besitzen, um so allein und verlassen seit Jahrhunderten auf dem bewegten Ozean der Weltgeschichte seinen triumphierenden Lauf zu bewahren. Die Juden unseres deutschen Vaterlandes haben längst Formen gesucht und gefunden, um ihre Zusammengehörigkeit, ihre kultuelle und religiöse Weiterentwickelung zu sichern. Der „Deutschisraelitische Gemeindebund" mit seinen systematisch ausgebildeten Landes-, Provinzial- und Bezirksverbänden fördert Synagoge und Religionsunterricht in den schwächeren Gemeinden, schafft und erhält Institutionen, die Moral, Glauben, redliche Arbeit, Sicherung und Hebung des Lehrerstandes, innere Gemeinschaft unter uns - allen begünstigen. Ein Gemeinde- und Verbandstag, den er im Februar dieses Jahres einberief, war von den meisten grossen und mittleren, sowie zahlreichen kleinen Gemeinden aus allen Teilen des Reiches beschickt und zeigte Alle — Orthodoxe und Liberale, Männer des Südens und des Nordens — einig im gemeinsamen Streben für unsere religiösen und sittlichen Interessen. Fragen von tief einschneidender Bedeutung für. unser gesamtes Gemeindeleben wurden dort erörtert und der Lösung zugeführt. Den Gemeindebund ergänzt, wie schon erwähnt, für die politische und rechtliche Aktion der „Centraiverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Die Bne-Brith-Logen pflegen Geselligkeit, Wohlthun und allgemeine Bildung unter den Juden und unterstützen mit hochherzigem Opfersinn alle Bestrebungen, die solche Zwecke zu fördern und zu verwirklichen imstande sind. Die „Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur", die sich mit erfreulicher Schnelligkeit über alle Gaue Deutschlands ausdehnen, tragen die Kenntnis unserer ruhmvollen Vergangenheit und unseres reichen und edlen Schrifttums in weiteste Kreise, die diesen Erscheinungen bisher ohne Wissen und selbst ohne Teilnahme gegenüber standen. Die jüdischen Studentenvereine fassen die geistige Elite unserer männlichen Jugend zusammen und nähren in ihr das stolze Bewusstsein, dem ältesten Stamme und der erhabensten Religionsgemeinschaft der Welt anzugehören; sie treten der engherzigen Ausschliesslichkeit speziell christlicher Studentenverbindungen offen entgegen und wissen deren Einfluss auf das gesamte akademische Wesen zu bekämpfen. Ein frisches, frohes, zukunftsreiches Leben geht durch den uralten Stamm, den äussere und innere Gegner schon für vermorscht und abgestorben ausgeben. Stolz streckt er seine Zweige aus, die sich mit vollem Blätterschmuck bedecken. Nein, diesen Baum werdet Ihr noch lange nicht ertöten, Ihr Hasser, Neider und Indifferenten, denen sein Dasein zur Last fällt! Aber es bleibt in seinen Institutionen noch eine tiefe und schmerzliche Lücke auszufüllen. Als natürliche aber giftige Frucht ist aus dem Gefühls-Antisemitismus der wissenschaftliche Antisemitismus erwachsen. Teils aus krankhaft überreiztem Nationalitäts empfinden, teils aus Furcht vor jüdischem Wettbewerb in Gelehrsamkeit und Litteratur suchen sowohl Universitätsprofessoren, wie unzünftige Schriftsteller, wirkliche und nur angebliche Gelehrte das jüdische Volkstum als ein minderwertiges und für die Kulturarbeit unfähiges oder gar schädliches zu erweisen. Sogenannte „liberale" christliche Theologen, die nach Abwerfung aller ihrer Kirche eigentümlichen Dogmatik, thatsächlich auf dem Glaubens- und Sittenstandpunkt des Judentums angelangt sind, wollen oder können diese Rückkehr zu der Mutterreligion nicht eingestehen. Deshalb erfinden sie ein nie dagewesenes Zerrbild des Judentums, dem sie ein gleichfalls nie dagewesenes, selbstgemachtes, stylisiertes und idealisiertes Christentum rühmend entgegenstellen. Aber unter diesen Schriftstellern, Philosophen, Historikern, Theologen sind Männer von grosser Bedeutung, von ausgedehntem und gründlichem Wissen. Sie besitzen eine Fülle glänzender Gedanken, eine seltene Kraft und Schönheit des Ausdrucks. Ihr Name ist hoch angesehen in allen