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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Date
1903-01-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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ösT^fesT: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und von LEO WINZ. Schriftstellern Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 1 Januar 1903 III. Jahrg. RUCKBLICK AUF DAS JAHR 1902. Von Prof. Dr. M. Philippson. Das verflossene Jahr hat den Israeliten Deutschlands keinerlei wichtige politische Ereignisse gebracht. Die Kämpfe gegen den Antisemitismus, die die wirklich liberalen politischen Parteien und besonders unser wackerer „Centraiverein" führen, gehen nach gewohnter Weise in der Presse, den öffentlichen Versammlungen, den Volksvertretungen, der Gesellschaft — und den Gerichtssälen weiter. Die grosse Vereinigung und einheitliche Leitung, die für diesen Krieg die deutsche Judenheit in einer freien Abgeordneten-Versammlung und einem von dieser gewählten ständigen Ausschuss finden sollte, ist einstweilen an der ängstlichen Bedenklichkeit gewisser Kreise unserer Glaubensgenossenschaft gescheitert. Die Devise „furchtlos und treu" hat der massgebende Teil der deutschen Judenheit noch immer den wackeren Schwaben belassen. Man hat sich freilich sofort überzeugen müssen, dass diese Unterlassungssünde bittere Früchte trägt. Das Ansehen des Judentums, die Achtung seiner gerechtesten Ansprüche sind stetig gemindert worden. Der rohe Radau-Antisemitismus hat sich allerdings an den meisten Orten überlebt, und der Richterstand hat sich hinreichend mit Ekel vor ihm erfüllt, um den lärmendsten und wüstesten Patronen dieser barbarischen Bewegung das Handwerk zu erschweren. Allein der Gesinnungs-Antisemitismus — viel gefährlicher als jener — nimmt von Jahr zu Jahr zu, und mit ihm das Bestreben, die Juden als ein angeblich „fremdes Element" aus dem Leben des deutschen Volkes auszuscheiden: aus dem Verkehr mit dem christlichen Mitbürger, aus dem Offizierstande, auch der Reserve, aus Verwaltung und Gericht. Kurz, wir werden mehr und mehr zu ungern geduldeten Bürgern und Menschen zweiter Klasse heruntergesetzt, die in ein geistiges und soziales Ghetto eingeschlossen sind. Das ist demütigend, schmerzlich und für unsere eigene persönliche Entwickelung gefährlich. Das Uebelwollen erhält aber seine Krönung durch den Vorwurf, dass wir, die Ausgeschlossenen, Zurückgewiesenen, absichtlich Gedemütigten, uns von den Andersgläubigen absonderten! Und doch, nichts ist unbegründeter als diese Behauptung, wir seien Fremdlinge auf deutschem Boden. Als ob nicht die Juden lange vor den Wenden Brandenburgs und Mecklenburgs, den Litauern Preussens, vor all' den Polen auf — ki und ky5 die jetzt so massgebende Stellung einnehmen, vor den französischen Refugieskolonien in Deutschland gesessen und am deutschen Leben teilgenommen hätten! Ehe alle jene fremden Bestandteile sich verdeutschten, gab es schon seit Jahrhunderten jüdische Gemeinden in Metz und Köln, in Worms und Speyer und an so vielen anderen Orten. Es ist eine gesunde und natürliche Reaktion gegen jene Ungerechtigkeit, wenn diejenigen Juden, die noch etwas auf sich selbst, auf ihre Religion und auf das alte Kulturvolk halten, dem sie entsprossen sind, sich in besonderen Genossenschaften

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