Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Aphorismen / Olshausen
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 861 - 862 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
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•861 Miscellen und. Aphorismen. 862 aber im einzelnen Fall Elend herrsehte, da half Barmherzigkeit gegen Arme, auch ohne dass es einer eigentlichen Bettelei bedurfte; das Gesetz selbst schrieb in mannigfachen Wendungen vor, für den Bedrängten die Hand aufzuthun und ihm zu helfen, und, wie heute, waren auch damals die Juden zu gegenseitiger Unterstützung stets bereit. Betteln durfte nur derjenige, der nicht für einen Tag Existenzmittel hatte. Erst in dem späteren Judentum kam der verhängnisvolle Gedanke auf, dass das Almosengeben an sich verdienstvoll undein Gegengewicht, gegen etwaige Sünden sei, eine Anschauung, die unvermeidlich zur Entstehung eines Bettlerproletariats führen musste. . Dr. 01 s h a u s e n, „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche." Heft .4, 1902. * * * Der assimilierte Jude hat mehr oder we.niger die ausgedehnten Bedürfnisse; - das soziale Gewissen,'.die politische Reife, die kühne Wissenschaftlichkeit, die veredelte Genusslust, den geläuterten Kunstgeschmack, die Grossangelegtheit der Pläne des . europäischen Kulturmenschen — aber er hat z. B. nicht oder nur in sehr geringem Masse den stämmigen Trotz und die zopfige Pedanterie des Deutschen, deR Elan und Leichtsinn des Franzosen, die elementare Natürlichkeit und die Schwermut des Slaven. Dagegen besitzt er — um nur Einiges anzuführen ~ die leichte Rührbarkeit, die geistige Beweglichkeit, die Neigung zu Haarspaltereien, den mehr düsteren als heiteren Optimismus seiner Vorfahren. Das alles will heissen: Der Versuch die nationale Assimilation durchzuführen, gab bloss den Anstoss zurEuropäiesirung des jüdischen Volkes als solchen. Aber an sich ist auch die letzte Ässimilations-Campagne missglückt. „Die jüdische Moderne". REVUE DER PRESSE. Das vielbesprochene Ereignis des Tages ist die charaktervolle That, mit welcher der neue Lord-Mayor von London, Sir Marcus Samuel, seine Amtsthätigkeit inauguriert hat, indem er dem rumänischen Gesandten keine Einladung zu dem Guildhall-Banquet, an welchem nach alter Gepflogenheit das gesamte diplomatische Korps teilnimmt, zugehea liess. Diese empfindliche, aber wohlverdiente Lektion, welche der rumänischen Regierung in der Person ihres hiesigen Vertreters erteilt wurde, durfte den Gewalthabern in Bukarest um so schmerzlicher sein, da sie ihnen von dem höchsten Vertreter der Londoner City, des finanziellen Centrums- Englands, versetzt wird. Jewish Chronicle, der die Nachricht zuerst gebracht hat, meint, es wäre vielleicht vorzuziehen gewesen, dass dem rumänischen Gesandten Gelegenheit geboten wurde, durch die Teilnahme an dem Guildhall-Banquet sich zu überzeugen, wie ein Angehöriger der in seinem Heimatlande so brutal vergewaltigten Glaubensgemeinschaft in der grössten und reichsten Stadt des Erdkreises geehrt und ausgezeichnet wird. Indessen für sentimentale Erwägungen sind Sturdza und seine Spiessgesellen wenig empfänglich: auf diese dickfälligen Herren können nur kräftige Mittel Eindruck machen, und darum war es wohlgethan, dass die gesellschaftliche Aechtung des rumänischen Gesandten so demonstrativ zum Ausdruck gebracht wurde. Es verdient hervorgehoben zii werden, dass die leitenden Tagesblätter sich darauf beschränken, die Thatsache mitzuteilen, ohne eine Kritik daran zu knüpfen. Einem Vertreter der „St. James Gazette", der den Lord-Mayor über den Grund, seines Vorgehens befragt hat, erwiderte derselbe, es sei im Mainson House Gebrauch, die Vertreter solcher Staaten, welche sich weigern, ihre vert] agsmässigen Verpflichtungen zu erfüllen, von der Einladung auszuschliessen. Wie das genannte Blatt hinzufügt, ist die Ansicht des. englischen Ministeriums über die beabsichtigte Uebergehung des Gesandten eingeholt und war die Verantwortung . dem Lord-Mayor überlassen, aber auch kein Veto dagegen eingelegt worden. Somit hatte das Kabinett gegen die Verletzung internationaler Höflichkeit nichts einzuwenden und stillschweigend anerkannt, dass der Gemassregelte als Sündenbock der von ihm repräsentierten Regierung das den Vertretern anderer civilisierter Staaten zustehende Recht auf Schutz und Achtung verwirkt hat. — Herr Herbert Samuel, ein Neffe des Sir Samuel Montagu, ist in Cleveland (Yorkshire) als liberaler Kandidat mit einer Mehrheit von 2056 Stimmen zum Mitglied des Unterhauses gewählt worden. Das englische Parlament zählt nunmehr zehn Juden, von denen sieben der konservativen, drei der liberalen Partei angehören. Einer