Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Ury-Ausstellung in Wien
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 859 - 860 (sequence 2)
- Language
- German
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859 Miscelleii uiid Aphorismen. 860 und vor den Bildern förmlich Kolleg halten lassen. Und gerade die eigentümliche Grundnote der Ury'schen Bilder findet in Wien ein reiches und williges Verständnis. Man begreift vollständig, dass diese Bilder nicht simple Abschriften der Natur darstellen, sondern temperamentvolle Umdichtungen, Visionen. Und es ist schön, die Leute sich in diese Visionen hineinleben zu sehen, zu beobachten, wie sie die Farbentrunkenheit dieser Bilder, ihren Paradiesglanz in sich hineinsaugen und sich daran berauschen. Auch zwei Novissima sind in der Wiener Ausstellung zu sehen, die grossartige Konzeption zu einem „Moses am Berge Sinai" — der Prophet schleudert den abtrünnigen Juden die Gesetzestafeln auf die Köpfe — und ein in seinem Farbenzauber und in seiner tragischen Grundstimmung ungewöhnlich ergreifendes „Verlorenes Paradies". Doch zur Einzelbetrachtung fühle ich mich an dieser Stelle nicht berufen. Ich habe nur melden und erzählen wollen, dass Lesser Ury im November 1902 Wien sich erobert hat. Franz Servaes (Wien). („Der Tag«, 28. Nov. 1902.) * * * „Staat, Volk und Nation." Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Georg Wilhelm Schiele im Novemberheft, der „Preufsischen Jahrbücher" einen Artikel, der in seiner Tendenz darauf hinausläuft, als das Fundamentale obiger drei Faktoren das harmonische und verbindende Mass der Gerechtigkeit zu betonen. Dies Moment ist um so wertvoller, als der Autor seinen theoretischen Unterbau zu dem Zwecke aufführt, um ihm seine Auffassung der. Polenpolitik aufzusetzen und nicht etwa, um Stellung zum Antisemitismus zu nehmen. Es wird also kein Gegner einwenden können, dass der Zweck die Mittel geheiligt. habe. 1 Schiele sagt:: „Der Begriff Nation fasst Staat und Volk zusammen, als Einheit und leugnet ihren inneren Gegensatz. Das Volk ist Nation, wenn es im Staate das Organ seines Willens sieht, und der Staat ist national, wenn er in den Interessen des Volkes seine Aufgabe sieht.u Staat und Volk stehen also zunächst in einem Gegensatz zu einander. Muttersprache, Glaube . und Unglaube, Brauch und Sitte machen den Volksgenossen aus, den Germanen sowohl als auch den Polen, den Masuren, den Litauer, den Dänen, den Franzosen und den Juden, die alle innerhalb der deutschen Reichsgrenzen wohnen und die nur um ein Centrum gravitieren sollen, um den Staat. Die Triebkräfte des Volkes bezw. der Völker in dem Gesamtkörper, der fälschlich „Volk" genannt wird und worunter fast immer die Nation zu verstehen ist, sind neutraler Natur; aus ihnen erwächst das persönliche Eigenleben, die Individualität. Hier giebt es Spitzen und Höhen, soweit man eben Vollreife und unausgeprägte Individualitäten unterscheidet. Anders ein Staat. Er ist die straffste Centralgewalt. An sich nivelliert er, er zwingt allen seinen Bürgern eine gewisse Mittellage auf. Für die einen bedeutet das eine Einbusse, tür die anderen eine Hebung. Das staatlich verlangte Mittelmass ist eine Höhe moralischer und intellektueller Tüchtigkeit, die der Staat von seinen Bürgern fordert und die er ihnen „aufzwingt" durch Schul- und Gesetzeszwang und andere Zwangsformen. Wer sich dem freiwillig . unterwirft, ist Bürger im besten Sinne und hat einen wohlberechtigten Anspruch auf alle Einrichtungen des Staates, auf den Schutz des persönlichen Eigentums und Lebens nicht minder wie auf staatliche Beamtenstellungen, deren Anforderungen er durch den Nachweis der erforderlichen Höhe moralischer und intellektueller Tüchtigkeit zu genügen verspricht. In dem Augenblick, wo der Staat: diese Fragestellung bei der Auswahl seiner direkten und indirekten Beamten verändert und nach Abstammung und Konfession fragt, verlässt er die ihm eigentümliche Rechtssphäre. Damit löst er den ihm innewohnenden Gedanken der Centraimacht auf, zersetzt sich damit selber und macht sich zum Spielball individueller Besonderheiten und Neigungen. Bei dem Begriffe der vom Staate zu übenden Parität kann es sich nicht darum handeln, rechnerisch für so und so viel Protestanten unter dem „Volke" auch eine verhältnismässig gleiche Zahl von protestantischen. Beamten anzustellen, sondern der Staat hat gleichsam' mit verbundenen Augen sich an dem durch Prüfungen und Lebensführung erbrachten Beweis der intellektuellen und moralischen Voliwertigkeit genügen zu lassen. Was er in dieser Beziehung verlangt, ist ein Mass, dasjede Konfession und jeder Volksstamm innerhalb der Reichs- und Staatsgrenzen aufweisen kann, wenn nicht in diesem, so in jenem Individum, so dass Bevorzugung der einen Gruppe und Hintansetzung der andern nicht anders als aus Absicht zu erklären ist. Gerechtigkeit allgemein, also auch bei der Auswahl der Beamten, bleibt die Grundlage des Staates. - Die Antisemiten wollen in die Rechtssphäre und das Fundament des Staates ein neues Moment einführen, die Rassenfrage. Damit reissen sie den Staat aus seiner objektiven Höhe wieder in das Gewirr subjektiver Gefühle und Gelüste. Der Staat hätte in dem Augenblick,- wo er antisemitisch durchgeführt wäre, seine Centralidee aufgegeben und wäre in Atome zerlegt. Der Augenblick der Realisierung antisemitischer Wünsche würde die Entfesselung der krassesten Interessenpolitik und Demagogie sein. Da das. Volk nur durch den Staat zur Ausprägung als Nation gelangen kann, wie wir mit Schiele meinen, so müsste die staatliche Anerkennung der antisemitischen Lehren die Todesstunde der deutschen Nation sein. Ob eine solche Politik „teutsch" ist, mögen die Herren Antisemiten selber entscheiden. Man mag das Blatt drehen und wenden wie man will: der Antisemitismus, vom Staate sanktioniert, ist der Leichenstein des Staates und der Nation. Das sollte die führenden Staatsmänner wohl veranlassen, auch schon den Schein antisemitischer Neigungen und Zugeständnisse zu vermeiden. Wenn aber heute noch eine Interpellation wie die des Abgeordneten Peltasohn vom vorigen Jahre betreffend die Zurücksetzung der Juden im Justizdienst notwendig ist, so beweist das, wie selbst hohe Staatsbeamte in ihrer Auffassung von dem, was dem Staat zu seiner eigenen Existenzsicherung nutzt und frommt, sehr an der Oberfläche der Dinge haften bleiben. * * * Bei den Juden schloss ausser der Einfachheit des ganzen Lebens die von der heidnischen völlig verschiedene sittliche Würdigung der Arbeit als einer von Gott jedem Menschen auferlegten Pflicht schwerere soziale Notstände aus. Wo