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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 857 - 858

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Ein jungjüdischer Dichter
Date
1902-12-01
Page
Seite 857 - 858 (sequence 2)
Language
German
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.857 Otto Abeles: Ein jungjüdischer Dichter. 858 Und in dem wirklich vollendeten Gedichte „Die Bibel": Du siehst das Einst — und siehst den armen Rest, Die feige Schar, die unser Boot verlässt, Und uns . . und uns . ., die ringend wir verbluten. . Aber seine, von jeder falschen Sentimentalität freien, vielmehr von einem schönen Stolz gedämpften Klagen führen ihn zu den Brüdern in der „Gasse"; hier liest er liebend in tausend Augen und findet sein Bild in ihnen: Ich hab' mich lang gesucht! Ich suchte mich bei jenen Elendmassen In dunklen, engen Judenghettogassen, Wo Kraft erstarb und Sonne wich. Dort fand ich mich! Nun sind die Fäden auf dem Webstuhl seiner Entwicklung wieder angeknüpft. In seinem „stillen Garten", den er sich mit dem Wahlspruche „ich will mich nimmer wieder lassen", umzäunt hat, lebt er seine Kindheit wieder, mit ihren hebräischen Weisen und mit ihrem Sabbatsegen wartet er seiner glühenden Zionssehnsucht. Vernachtet war' mein Sinn in Friedhofsruh .... Wärst du mir nicht, du leidgeborne Sehnsucht, da! Du küsst mir all' mein Aengsten aus der Seele. Und jetzt, da er den innern Frieden hat und den Heimweg zu seinem Volkstum fand, jagt er, ein lachender „Sieger", die alte graue Klage von dannen. Sie war ohnehin in dieser Brust, die ein Stück blühendes Hellenentum birgt, nicht recht daheim. So überreich macht ihn sein gefundenes Glück, dass er sein Judenlied überall hinleitet, wo's auch nur ein Stäubchen Sonne, die kleinste Waldblume, das leiseste Klingen giebt: Küsse mich wild und toll, Küsse mich stark und frei, Du! allen Segens voll, Knospender Judenmai! Zlocisti hat der alten Davidsharfe die neue Werdeweise entlockt und sich in unsere Seelen gesungen: Gedichte, wie „Schatten", „die Bibel", Juda Makkabi's Gebet", „Apostata" und nicht zuletzt das liebe „Märchen von einem Frühling", sind erstklassige lyrische Schöpfungen. Mögen seinem Schaffen die Worte als Leitstern dienen, die Goethe an Lavater schrieb: ^„Das Tagewerk, das mir aufgetragen ist, das mir täglich leichter und schwerer wird, erfordert wachend und träumend meine Gegenwart. Die Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, lässt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen . . . . MISCELLEN UN Ury-Ausstellung in Wien. In Wien war Lesser Ury noch völlig unbekannt. Leute, die sonst alles kennen, kannten von ihm fast nur den Namen. So wirkte er wie eine völlig jungfräuliche Erscheinung. Und — sofort entbrannte um ihn der Kampf. Ury ist das nicht anders gewöhnt. Ein Künstler von solch ausgesprochener Eigenart und unmittelbarem Temperament muss notwendigerweise die Meinungen in zwei Lager spalten. In Wien trat nun das Eigentümliche ein, dass Publikum und Presse Ury alsbald mit starker, unverhohlener Sympathie begrüssten, während lediglich ein paar Maler eine allerdings erbitterte und eifrig wühlende Opposition entfesselten. Sie warfen Ury Mangel an Studium, billige Effekthascherei, Schlampigkeit, Roheit und ähnliche angenehme Dinge vor, über die sie sich geflissentlich entrüsteten. Diese Fronde war nicht ganz ungefährlich, weil sie sich an eine bestimmte Adresse wendete. Es war nämlich aufgefallen, dass zu den frühesten Besuchern der Ury-Ausstellung der Unterrichtsminister von Härtel in Begleitung seines Sektionschefs von Stadler gehört hatte, und dass die beiden Herren sich über die Arbeiten des Berliner Malers sehr anerkennend geäussert hatten. Da stand es ja wohl gar zu befürchten, dass das Unterrichtsministerium zu einer Zeit, wo alle Wiener Künstlergesellschaften ihre Ausstellungen weit geöffnet hatten und auf die ministerielle Gunst entschieden rechneten, das Werk eines fremden Künstlers käuflich erwerben könnte. Ach ja, solches stand zu befürchten. Noch mehr, das Befürchtete ist ) APHORISMEN. bereits eingetroffen. Herr von Härtel hat die wohlmeinenden Warnungen, die an ihn gelangten, nicht beachtet und hat eine schöne Ury'sche Landschaft, eine Regenstimmung aus den Thüringer Bergen (hoffentlich für die Moderne C.alerie) angekauft. Und er hat wohl daran gethan. Der Sieg Ury's ist in Wien also entschieden. Und es ist dem Künstler vollauf zu gönnen. Die fünfzehn Berliner Kampfjahre, die er mit seltener Zähigkeit und felsenfestem Selbstglauben überstanden hat, haben doch manche Erbitterung und manches Misstrauen im Gemüte des Malers hinterlassen. Lind mag auch Berlin sich jetzt langsam dessen bewusst werden, welch echte und starke Künstlernatur es in Ury beherbergt, so tbat es doch dem Künstler not, auch einmal an anderer wichtiger Stätte einen Erfolg sich zu erringen. Wien bot dafür einen günstigen Boden. Zum Teil eben deshalb, weil man Ury noch gar nicht kannte, also mit völliger Unmittelbarkeit aufnehmen konnte, zum Teil auch deshalb, weil die Besonderheit der Ury'schen Begabung zu dem lebhaften und farbenfrohen Naturell des Wieners rasch und eindringlich zu sprechen versprach. Und das Wiener Publikum hat den Erwartungen in überraschendem Masse entsprochen. Im Kunstsalon Pisko, wo die Ury'schen Bilder exponiert sind, entwickelt sich ein ungewöhnlich lebhaftes Treiben und ein durch steigende Nachfrage sich bekundendes Interesse. Besonders gross ist auch der Anteil der studierenden Jugend. Ein Studentenverein hat sich, mehr als fünfzig Mann stark, durch einen jüngeren Kunstschriftsteller in den Pisko'schen Sälen herumführen

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