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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 831 - 832

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Rjabtschik
Date
1902-12-01
Page
Seite 831 - 832 (sequence 2)
Language
German
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831 Scholem^Aleichem: Rjabtschik 832 Er war zufrieden, wenn man ihn nur in Ruhe Hess. Aber wie selten traf sich das! Rjabtschik eines mit dem Stock zu versetzen, ihm einen Fusstritt zu geben, ihm einen Stein an den Kopf zu werfen oder einen Eimer Spülwasser über ihn zu giessen, das war vielen ein angenehmer Zeitvertreib. Sogar eine Wohlthat. Und Rjabtschik pflegte sich nicht mit seinen rohen Peinigern in lange Diskussion einzulassen, unzufrieden zu bellen oder in "Wut die Zähne zu fletschen; im Gegenteil. Jedesmal wenn er einen Stoss erhielt, bückte er sich demütig, fast bis zur Erde, gab höchstens einen quiekenden Laut von sich und entfloh mit eingezogenem Schwanz, um in irgend einer sicheren Ecke Schutz zu suchen und nachdenklich Fliegen zu fangen. n. Wer Rjabtschik eigentlich war und woher er stammte, ist unbekannlp^Wahrscheinlich gehörte er dem alten Gutsbesitzer, dem früheren Eigentümer dieses Hofes, von dem Rjabtschik nicht mehr weglaufen wollte. Vielleicht hatte er sich auch verirrt? war seinem Herrn verloren gegangen und nun bei einem anderen geblieben. Lieber Leser! Dir ist doch gewiss schon einmal ein obdachloser Hund begegnet, der Dir Schritt für Schritt folgte. Was ist das für ein zudringliches Tier, denkst du und erhebst die Hand, ihn fortzujagen. Der Hund bleibt dann stehen, weicht mit dem Kopfe aus (wie ein Mensch, in dem Augenblicke, wo er eine Maulschelle bekommen soll) und läuft weiter hinter dir her. Du bückst dich zur Erde, hebst einen Stein auf, thust, als ob du ihn werfen wolltest und wirfst ihn schliesslich. Ohne Erfolg. Du bleibst stehen, siehst nach dem Tier: der Hund bleibt stehen und sieht nach dir. Ihr glotzt einander an. Du speiest wütend zur Seite und gehst deinen Weg. Der Hund aber folgt dir wiederum Schritt für Schritt. Da muss man doch geradezu aus der Haut fahren! Fluchend nimmst du deinen Stock und gehst auf ihn los. Da beginnt^ auch bei dem Hunde zu dämmern; er wirft sich vor dir auf den Rücken nieder und schaut dir in die Augen, als wenn er sagen wollte: Du willst mich schlagen? Nun so schlage zu! Zu dieser Sorte von Hunden gehörte Rjabtschik. III. Im Essen war Rjabtschik nicht verwöhnt; da konnte im Zimmer das Beste und Schönste liegen, er hätte es nicht angerührt, er wusste ganz gut, dass nur die Krumen unter dem Tisch und andere Abfälle für ihn waren. Als er jung war, erzählen die Leute, soll Rjabtschik ein lustiger Gesell gewesen sein, sogar ein Spassmacher. Einmal soll er Reb Eli, den Schächter, beinahe zum Tode erschrocken haben. Das war am Vorabend des Versöhnungstages, als sich Eli an das Gänseschlachten machte. Da sass Rjabtschik ganz vergnügt in einem Winkel und dachte, was wohl Reb Eli mit so vielen Gänsen thun würde; und Reb Eli. that alles das, was alle Schächter in solchen Fällen zu thun pflegen: Er nahm eine Gans nach der anderen in .die Hand, bog das Köpfchen nach hinten, rupfte ein paar Halsfedern aus; dann einen Schnitt über die Kehle, und er warf das Tier von sich. Da war etwas ganz Wunderbares geschehen. Ein schlecht gebundenes Gänschen hatte vergessen, dass sie Reb Eli geschlachtet hatte und lief Hals über Kopf in die weite Welt hinaus. Rjabtschik, der ruhig dagesessen hatte und sich nur darüber ärgerte, dass man so unschuldige Geschöpfe hinmorde, lief kläffend der geschlachteten Gans nach: Wau! Wauü Dumme Gans, wo läufst du hin? Du bist doch geschlachtet! Reb Eli, der Schächter, der ganz in seine Arbeit vertieft war und der? scheint's, gar nicht einmal wusste, dass es einen Rjabtschik auf der Welt gab, erschrak gar sehr, lief, aus allen Kräften schreiend, hinter der Gans her: helft Juden, helft! — Natürlich hatte man sogleich Rjabtschik in Verdacht, und so flogen ihm denn eine Menge Steine an den Kopf, und an Schlägen fehlte es auch nicht. Das war sein erster Streich. . . . Ein ander Mal versuchte Rjabtschik vom Brett, auf dem das Fleisch gesalzen wird, einen Gänsefuss wegzunehmen. Wie die Brajne, die schwarze schnurrbärtige Köchin, dies sah, machte sie einen Höllenlärm und schrie: Aisik, Aisik! Aisik kam schnell herbei, grade in dem Moment, als Rjabtschik sich mit dem Gänsefuss aus dem Staube machen wollte. Unglücklicherweise hatte ihn der Aisik zwischen die Thür geklemmt, so dass er mit der vorderen Hälfte im Flur, mit der anderen noch im Zimmer blieb. In dieser Situation bekam er einen guten Denkzettel. Aisik schlug ihm mit einem Stock den Kopf wund, und Brajne bearbeitete ihn mit einem Holzscheit, indem sie. unaufhörlich rief: Aisik, Aisik. Dieser Vorgang blieb ihm fest im Gedächtnis und wenn jemand in seiner Nähe das Wort Aisik rief, so lief er davon, so weit ihn seine Füsse tragen mochten. IV. Am schlimmsten behandelte ihn Paraschka: dieselbe Paraschka, die die Wäsche wusch, die Stube weisste und die Kühe melkte. Warum sie dem Rjabtschik so feindlich gesinnt war, ist bis zum heutigen Tage noch nicht ganz aufgeklärt. Hol dich der Henker, untreues Hundevieh! schimpfte sie gewöhnlich in ihrem kleinrussischen Dialekt. Und Rjabtschik, wie zum Trotz, lief ihr immer vor den Füssen her. Dafür rächte sich Paraschka an ihm, wie wTir uns an Haman rächen. Wenn sie wusch, begoss sie ihn mit siedendem Wasser; solche Bäder liebte der Rjabtschik nicht. Wenn sie die Stube weisste, warf sie ihm eine Hand voll Sand an den Kopf,

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