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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 823 - 824

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Die leitenden Ideen der althebräischen Verfassung
Date
1902-12-01
Page
Seite 823 - 824 (sequence 2)
Language
German
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823 beschnittener in dir regieren; aber aut deinen Bergen werden Boten der Völker wandeln, die da Frieden verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!" (Jer. LIT, 1, 7). „Dein Herz wird sich ausbreiten, wenn sich die Menge zu dir bekehret und die Macht der Heiden zu dir kommt" (Jes. LX, 5). Um diese Zeit, so hoffen unsere Propheten, werden die Völker aufhören, sich zu bekriegen, ein Fest der Völkerverbrüderung wird gefeiert werden. Um die Zeit, wo die "Wölfe bei den Lämmern wohnen und Leoparden friedlich neben Schafen einherwandeln werden —ja, um diese Zeit werden hoffentlich auch die Lanzen in Pflugscharn umgeschmiedet werden, und Franzosen, und Deutsche, Polen und Russen, Tschechen und Germanen, Juden und Nichtjuden werden einander brüderlich die Hand reichen. Jedoch, auch um diese Zeit sollen Nationen und Staaten zu bestehen nicht aufhören, soll das jüdische Volk und seine Verfassung nicht von der Erde verschwinden. Nein: „Solange die Sonne dem Tage das Licht giebt — sagt Jeremias —, solange der Mond und die Sterne die Nacht erleuchten, solange die brausenden Wellen im Meere schlagen, soll der Same Israels und die Lehre Israels bestehen; ewiglich sei dies Volk vor mir."1) (Jer. XXXI, 35—36). 3. Diesem ewigen Volke, diesem stets aufs neue wiederzugewinnenden Lande soll nach den Ideen Mosis nicht ein Mensch gebieten — das Gesetz allein soll herrschen in Israel, Gott allein soll König sein in Zion. „Seliger Ort — singt Jehuda Halevy —, der, irdischen Thronen zu heilig, dem Throne der Herrlichkeit Gottes geweiht war." Seitdem Maimonides in seinem „Führer der Irrenden" die esoterischen Lehren der mündlichen Ueberlieferung Israels veröffentlicht, ist es allen aufgeklärten Juden bekannt, dass mit dem Worte „Gott* der Kosmos und seine Gesetze bezeichnet wurden, und dass durch die Worte „Gott soll König sein" nichts anderes ausgedrückt werden soll, als: „das Gesetz soll herrschen." So finden wir hier, in der obersten Frage der nationalen Verfassung, in unserem Gesetze und unserer Geschichte die Erfüllung einer der Lieblingsideen Plato's und Aristoteles', einer der höchsten Konzeptionen der griechischen Denker. 4. Wenn wir nun den Inhalt, die Hauptbestimmungen jenes Gesetzes in Betracht ziehen, welchem Israel sich Bekanntlich giebt es im jüdischen Gesetze Verordnungen, welche die Erhaltung der jüdischen Nation in wirksamer Weise anstreben. Diesen Zweck verfolgt die gesamte sozialhygienische Gesetzgebung der Juden, von Moses bis Maimonides; für die Gestaltung der Ehegesetzgebung war besonders dieser Zweck bestimmend; endlich hat das Ceremonienwesen zum grossen Teile die Bestimmung, die jüdische Nation vor dem Zusammenleben und der Vermischung mit anderen Völkern abzuhalten und so ihren Bestand zu sichern. S. das Nähere in meiner Schrif?: ►„Die Sozialhygiene der Juden", 1894. 824 fügen sollte, wenn wir die praktische Verfassung des hebräischen Volkes seit seinem Auszüge aus Aegypten studieren, so fällt uns vor allem der freiheitliche, echt humane Geist derselben ins Auge. Es ist einer der hervorstechendsten Züge im Charakter der semitischen Völker — bemerkt Chwolson1) — dass bei ihnen jede einzelne Persönlichkeit eine ausgeprägte Individualität aufweist. Als natürliche Folge dieses Umstandes finden wir bei diesen Völkern eine ungewöhnliche Achtung vor der Individualität, ein grosses Maass persönlicher Freiheit und allgemeiner Gleichheit, insbesondere vor dem Gesetze. Den Beweis dieser Behauptung erblickt Chwolson vor allem in den politischen Institutionen Mosis. Es giebt in der Geschichte der jüdischen Verlassung wohl kaum einen so bedeutsamen und entscheidenden Augenblick, als den der Niederlassung in Kanaan, den der Realisierung des Gesetzes, welches bis dahin nur ein Gedanke war. Die erste Okkupation Palästinas durch die Hebräer, die Gründung des ersten jüdischen Staates, welche im grossen und ganzen konform den mosaischen Bestimmungen erfolgte, weicht von dem in der Regel in der Geschichte zu beobachtenden Vorgange wesentlich ab. Während gewöhnlich der Fürst und Anführer des erobernden Stammes die besten Teile des erbeuteten Landes lür sich und seine Feldherrn vorbehält, welche mit dem Rest ihre Vasallen belehnen; während das besiegte Volk zu recht- und besitzlosen Hörigen herabsinkt und sogleich bei der Gründung des neuen Staates ein freiheitsfeindlicher, jede Gleichheit von vornherein ausschliessender, feudaler Gesellschaftsbau aufgeführt wird, den spätere Rechtsformen sanktionieren: — sehen wir in den Hebräern ein Volk, welches ein Land für sich erobert, um sich darin nach den Gesetzen der Gleichheit und Freiheit einzurichten. Allerdings musste Moses, um seine Verfassung ' zur Geltung zu bringen, den antiken Sitten gemäss die drakonische "Weisung erlassen, dass die besiegten Stämme bis auf den letzten Mann vernichtet oder vertrieben werdein sollten; nur wenn es im Staate keinen unterdrückten Stamm gab, konnte die allgemeine Gleichheit durchgeführt werden. 5. Diese Gleichheit war zunächst in der wirtschaftlichen Ausstattung begründet. Der eroberte Boden wurde durch das Los unter die Stämme und Familien derart verteilt, dass die Anzahl der Personen berücksichtigt wurde; zahlreichere Stämme, zahlreichere Familien erhielten mehr, minder zahlreiche weniger.2) So waren denn die Einwohner des neuen Staates unter einander ökonomisch gleich, ob sie nun Heerführer, hohe Würdenträger oder einfache Bürger waren.!) „Die semitischen Völkn". Berlin 1872, p. 34. 2) Numeri, XXVI, 53-55. Dr. Alfred Nossig: Die leitenden Ideen der al,hebräischen Verlassung.

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