Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Die sieben fetten Jahre [Illustration]
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 821 - 822 (sequence 1)
- Language
- German
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821 822 PHILlPr VEIT. DIE SIEBEN FETTEN JAHRE. DIE LEITENDEN IDEEN DER ALTHEBRAEISCHEN VERFASSUNG. Von Dr. Alfred Nossig. 1. Die Engländer sind stolz aui ihre alte Verfassung, welche sie stets den Bedürfnissen der Zeit anzupassen wussten. Nun, auch wir Juden dürfen uns einer alten Verfassung rühmen. Unsere Verfassung ist nicht 600 Jahre, sondern über drei Jahrtausende alt. Von Moses geschaffen, hat sie sich unter den Händen weiser Richter und Fürsten, inspirierter Propheten und der Männer des Sanhedrins entwickelt; sie ist von den Exilarchen, von den Redakteuren derMischna zusammengefasst, von den Talinuddoktoren vielfach ergänzt und reformiert worden. Diese ununterbrochene, legislatorische Arbeit wurde im 12. Jahrhundert von Maimonides in der Form eines modernen Kodex reassumiert; reassumiert und redigiert mit dem steten Hinblicke auf die einstige Restauration eines jüdischen Staatslebens in Palästina. Die Umgestaltung der Verfassung ist indess immer weiter .fortgelaufen, und noch aus dem 16. Jahrhunderte besitzen wir ein Denkmal jüdisch-nationaler Gesetzgebung, den Schulchan Aruch. Wir haben uns unserer politischen und sozialen Gesetzgebung nicht zu schämen; wir finden in ihr eine breite Basis für eine Fortentwickelung im Sinne moderner Ideen, Anknüpfungspunkte, welche kein anderes Volk in seiner histprisch gegebenen Verfassung aufweisen kann. Man vergleiche die Postulate der geläuterten sozialistischen Doktrin, die Wünsche und Zukunftsträume der Sozialphilosophen mit dem, was bei uns geschichtliche Wirklichkeit war, und man wird überrascht sein. 2. Die Politik und Sozialpolitik der Juden war nie aut die Vermischung der Rassen gerichtet; sie hat nie die Aufbebung der Nationalitäten und der Staaten angestrebt. Erhaltung der^Nation war im Gegenteil der klar ausgesprochene Zweck des mosaischen Gesetzes und Völkerverbrüderung das Ideal der grossen Propheten. In dieser Frage verbleiben die Ideen unserer Vorfahren in vollem Einklänge mit den Ergebnissen der modernen Sozial- und Naturwissenschaft. „Siehe, ich nehme heute den Himmel und die Erde zu Zeugen — heisst es im Deuteron. —, dass ich vor dich gestellt Leben und Tod; so wähle denn das Leben, auf dass du lebest, du und deine Nachkommen" (Deuteron. XXX, 19). Und wenn die Propheten von den Zeiten der Erlösung sprechen, so beginnen sie ihre Schilderung stets und vor allem mit dem Bilde der Sammlung und der politischen Wiedergeburt Israels in dem Lande seiner Väter. „Um die Zeit, da die Erkenntnis die Erde füllen wird, wie die Wasser das Meer füllen— so weissagt Jesaias —, will ich zusammenbringen die Verjagten Israels und die Zerstreuten Judas zu Haufe führen, von den vier Gegenden des Erdreichs" Qes. XI, 9, 12). „Siehe — prophezeit Jeremias —, ich will sie aus dem Lande der Mitternacht bringen, und will sie sammeln aus den Enden der Erde, alle, alle, Blinde, Lahme und Schwangere, dass sie in grossen Haufen wieder hierher kommen sollen: ich will sie wieder bringen in das Land, das ich ihren Vätern gegeben habe, dass sie es besitzen sollen" (Jer. XXXI, 8; XXX, 3). Und man glaube ja nicht, dass dieses Zion, wo die verstreuten Kinder Israels versammelt werden sollen, etwa ein unsichtbares Gottesreich, der ideelle Tempel des Herrn sein solle; diese Interpretation ist ein Märchen, das im Interesse einer kirchlichen Doktrin in die Welt gesetzt wurde. Zion ist Palästina. Die Idee unserer Propheten kann von einem Unbefangenen gar nicht missverstanden werden. Die messianische Zeit ist die Zeit, wo das jüdische Volk in Palästina wieder versammelt sein, wo das jüdische Gesetz in seinen wesentlichen Teilen wieder hergestellt sein wird, und wo die anderen Völker endlich die Weisheit dieses Gesetzes begreifen und es selbst anerkennen werden. „Stehe auf, Zion — heisst es —, es wird kein Un-