Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Etwas über Houston Stewart Chamberlain
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 799 - 800 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583903-2586423--02300-2586487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
799 Mathias Aclier: Etwas über Houston Stewart Chamberlain. 800 Eros entzündet. Doch nicht darum kann es sich hier handeln, alle möglichen Erscheinungsformen dieser Seelenkategorie ausfindig zu machen, vielmehr um diese selbst als Ganzes, um jene unendliche Tiefe, in die sich der Mensch ahnend und sehnend selber versenkt, um mit neuem Ahnen und Sehnen und hingebungsfreudig wieder aufzutauchen. Will nun jemand diese unermesslich reiche Seelenwelt als Religion bezeichnen, so lässt sich in Grunde nur so viel dagegen einwenden, dass die Benennung zu Missverständnissen Anlass geben kann. Aber den neuen Religionsaposteln fällt das auch nicht im Traum ein. Wohl hören sich manchmal ihre schönen Worte so an, als sprächen sie von dieser Religion im weitesten Sinne. Vielleicht bilden sie sich's manchmal auch selber ein. Aber ihre Neigungen gehören der Religion im engsten Sinne, und nicht etwa bloss zur Geltung, sondern zur Herrschaft wollen sie sie bringen. Während es jetzt selbst bezüglich aller positiven Bekenntnisse nicht ganz ausgeschlossen ist, dass sie, sich bis zur völligen Selbstbeschränkung auf ihr ureigenes Seelengebiet entwickeln werden, ist es die wuchernde Grundtendenz der neuen freidenkerischen Religiosität, in das ganze moderne Leben hineinzuwachsen und religiöse Methoden und Formen auf Dinge anzuwenden, die der Kompetenz des Religiösen im Menschen nicht unterstehen. Der hervorragendste Zug der Neureligiösen ist geradezu fanatischer Wissenschaftshass. Unfähig, mit dem stillen Enthusiasmus der Menschenseele, den sie Religion nennen, scharfes, grübelndes oder bohrendes Denken oder auch wahre, erkennende Intuition zu verbinden — wollen sie ihre Impotenz zur Weltrichtschnur machen und verkünden den Bankerott der Wissenschaft, setzen sie den Wert des technischen Fortschrittes herab, hetzen sie gegen alle Sachlichkeit und Nüchternheit. Dafür wollen sie die Menschheit mit ihrem Gedusel retten, das in seiner Verschwommenheit und seiner unlebendigen Phrasenhaftigkeit positive Wirkungen weder auf die Verstandes-, noch auf die Gefühlswelt des Menschen hervorbringen kann, jedenfalls aber die negative Wirkung hat, dass es die Geister benebelt und in ihrem Vorwärtsdringen zu immer tieferen und echteren Sensationen und zu immer besseren und reineren Aussen Verhältnissen hemmt, Wer die Entwicklung mancher europäischer Geistesfexereien — wie etwa des Vegetarismus, der Jägerwäsche u. s. w. — kennt, hat oft Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass diese harmlosen Narrheiten zumeist in denselben Personen gehäuft und fast immer mit Antisemitismus verbunden sind. So eine verschrobene Seele zieht eben Verschrobenheiten an sich, soviel sie erreichen kann. Warum sollte daher auch die Religionitis modischer Gemüter nicht einen geeigneten Nährboden für judenfeindliche Regungen abgeben? Wir können dies sehr gut an den französischen, nationalistischen Errettern der Welt aus dem Bankerott der Wissenschaft und noch besser an Houston' Stewart Chamberlain beobachten. Die Juden haben nicht jene echte Religiosität, die Chamberlain nur den Ariern zuschreibt. Ja, die Juden haben weniger Religion, als manche Südsee-Völker. Ihre Religion ist eine phantasielose, materialistische, man möchte fast sagen opportunistische, vom Verstände geregelte, sie ist im besten Falle Moral und Gesetz, nie aber „eine Ueberbrückung der Kluft zwischen Mensch und Gott" — demselben Gott, dem mit einem gewissen latenten Freidenker-Stolz nachgerühmt wird, dass ihn das religiöseste Volk der Welt, die Inder, ganz entbehren kann. Sie ist eine Religion der Werkheiligkeit, nie eine solche innerer Erlösung, sie kennt die Gnade nicht, u. s. w. u. s. w. Es ist geradezu köstlich, mit welch spitzfindiger Dialektik der freie, der idealistische, der transscendentale, der sich erlösende, begnadete wahrhafte Religionsmensch Chamberlain diese Behauptungen beweist, wie er die Propheten zustutzt, um sie zu seinen Eideshelfern zu machen, wie er sich schnell durch ein abwiegelndes Wort hilft, wenn so ein grosser Jude des Altertums seinem Religionsideal doch etwas zu nahe zu kommen scheint. Noch köstlicher ist, wie er sich bemüht, Christo, der ihm seine Theorie umzustürzen droht, eine nichtjüdische Abstammung nachzuweisen. Am köstlichsten ist seine Parallele zwischen Juden und Indern, wo er ähnliche Erscheinungen der beiden Völker durch geschickte Wortklaubereien in schreiende Gegensätze umkrempelt. Und warum das alles? Das Buch enthüllt dem aufmerksamen Leser die* psychologische Lösung, die vielleicht zum Teil doch eine rassenpsychologische ist. Schon Lynkurs macht sich in seinem Buche „Phantasien eines Realisten" anspielungsweise über die Arier lustig* die hinter ihre verrottetsten Einrichtungen, hinter allen ihren Moder und Plunder transscendentale Geheimnisse aufstellen, vor .denen sie in Andacht ersterben, während sich die diversen Nutzniesser dieser sauberen „Ueberbrückungen", um mit Chamberlain zu sprechen, ins Fäustchen lachen. Nun, gar so grell ist der Gegensatz nicht. Die Arier haben ganz prächtige Störer dieser höheren Tischrückens-Komödie auch unter sich, und die Juden sind andererseits nicht arm an Arrangeuren und Opfern solcher Seancen. Aber wahr ist: die Juden sind diesbezüglich doch etwas reifer. Im Altertum zeigte sich das in Bezug auf die Religion selbst. Das sozialgeschichtliche Bewusstsein erlag nicht dem religiösen Trieb. Es wusste seine Rechte gegenüber dem Drang, sich in seine eigene Persönlichkeit zu versenken und Brücken zu schlagen zwischen ihr und der ersehnten, erahnten Unendlichkeit, zu wahren. Wieviel aber auch von diesem Drang in der Seele des Volkes wohnte, das beweisen jene grossen religiösen Genies, die sich jedenfalls auf der Höhe der Innerlichkeit hielten, auf einer Höhe, wie sie kein Arier, wenig-