Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Etwas über Houston Stewart Chamberlain
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 795 - 796 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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795 796 ETWAS UEBER HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN. Von Mathias Acher, Wien. In seinem-so rasch und leicht berühmt gewordenen Werke: „Die Grundlagen des 19.• Jahrhunderts", das eben Jetzt in vierter Auflage erschienen ist, spricht Houston Stewart Chamberlain über alles Mögliche. Dabei unterlaufen ihm Widersprüche in Menge. Man müsste aber lügen, wollte man sagen, dass sie den einheitlichen Charakter des Buches stören. Sie sind nur als Widerstände eines Restes sachlicher Gewissenhaftigkeit gegen die Tyrannei seines Zweckes aufzufassen. Dieser Zweck aber, durchsichtig wie Glas, giebt dem Werke das einheitliche Gepräge. Was Chamberlain um jeden Preis, auch den der Widersprüche, hauptsächlich beweisen will, lasst sich kurz in die Worte fassen: Die Germanen sind ein edles, die Ju$en ein unedles Ferment des Völkerlebens. Diesem Beweiszwecke dient nun das allerdings stellenweise durchbrochene Prinzip, alle Weltgeschichte sei Rassengeschichte und die Theorie der erspriesslichen und ünerspriesslichen Rassenmischungen, auf die noch zurückgekommen werden soll. Zunächst sucht Chamberlain die Juden dadurch .verdächtig zu machen, dass er von dem. sie. verurteilenden consensus ingeniorum . spricht. Er stellt nämlich die durch Anführung einiger Beispiele .erhärtete Behauptung auf, dass die grossen Menschen immer auf die Juden schlecht zu sprechen waren. Diese Uebereinstimmung lasse keinen Zweifel übrig, was man von den Juden zu halten habe. Wie alles, was aus der Feder Chamberlain's stammt, ist auch diese Behauptung ebenso bestechend als oberflächlich. Wir wollen ganz davon absehen, dass er viel zu wenig Beispiele bringt, und ihm aufs Wort glauben, dass er noch viele andere zu nennen vermöchte. Wir wollen auch freiwillig auf die Führung von Gegenzeugen verzichten, die er ja auch selber finden könnte, wenn er sich bemühte, die Kategorie der Genies in ihre Unterabteilungen aufzulösen und zu untersuchen, wie jede derselben in der Mehrheit ihrer Vertreter über die Juden denkt. Wir geben der Kürze halber den consensus ingeniorum zu..4 Ist es nun aber Chamberlain eingefallen zu fragen, ob nicht auch die Genies dort Irrtümern unterliegen, wo sie mit der besonderen Art ihrer Begabung nicht zu Hause sind? Und hat er sich gefragt — und das wäre das Wichtigste gewesen —, ob nicht bei der Sprödigkeit allen Stoffes auch die Voraussicht der Genies einen zeitlichen Anfang hat, bis zu welchem sie die Blindheit mit der Masse teilen. Auf die Juden angewendet: Ob nicht vielleicht die Zeit, in der die Genies, ihren Völkern vorauseilend, die Vorurteile gegen die Juden abzulegen beginnen werden, erst jetzt angebrochen ist oder gar erst anbrechen wird? Dass Chamberlain dies alles nicht gefragt hat, zeigt, wie wenig seine Behauptungen wissenschaftlich ernst genommen werden dürfen. Nun lehnt er ja allerdings die Wissenschaftlichkeit mit beissendem Hohn, wenn auch nicht mit der notwendigen Aufrichtigkeit gegen;sich und seine Leser ab. Er kann seihen Hass gegen die Wissenschaft kaum bändigen, wenn er sie auch fortwährend anzapft, um seine verschiedenen Behauptungen zu beweisen, und so thut, als wüsste er allein, was echte Wissenschaft ist. Viel mehr als die Wissenschaft liegt ihm die Religion am Herzen, und er mag die Juden am meisten deshalb nicht, weil sie nach seiner Ansicht —;aller Religion 3ar sind. Als Religionsnarr ist Chamberlain keine vereinzelte Erscheinung unserer Zeit; man hat es da vielmehr mit einer Zeitkrankheit zu thun, die in ihrem Wesen und Zusammenhängen einigermassen beleuchtet werden muss, wenn man den gegen die Juden gerichteten seltenen Vorwurf des Mangels" an Religion verstehen und zurückweisen will. Dass die Frommen aller Bekenntnisse nach wie vor es lieben, von Religion zu sprechen, kann niemanden auffallen. Ebensowenig ihre naive oder lebenskluge Art, dies zu thun. Aber es giebt heute auch noch eine andere Art;,, die sofort an ihrem_fremdartigen Ton erkennbar ist. Und sozusagen. Freidenker sind es, die diese Art üben, — Leute, für die der Bibelglaube, ob alt- oder neutestamentarisch, längst keinen Wert mehr hat, welchen der Glaube überhaupt ziemlich gleichgültig geworden ist, und die Gott, ob nun als Individuum oder Weltseele aufgefasst, beinahe in den Hintergrund ihrer Systeme verweisen, wenn sie ihn nicht gar ganz aus .dem Spiele lassen. Diese neue Religiosität geht offenbar von einer ganz gesunden Erkenntnis aus. Das bekannte Wort des Dichters, er bekenne keine Religion — aus Religion, deutet diese Erkenntnis schon an, erschöpft sie aber hoch nicht. Erst eine sachlich-wissenschaftliche Betrachtung aller Religionssysteme, der AU ihrer Entstehung und Entwickelung, die kühle und kühne Durchforschung des Seelenlebens religiöser Menschen, der Vergleich jener Seelenregungen, die man religiöse zu nennen pflegt, mit manchen anderen, die scheinbar auf einem ganz anderen Boden liegen, — erst alle diese Vorarbeiten, die ja manchmal durch eine mächtige Intuition ersetzt werden können, — ermöglichen eine, volle Erkenntnis. Dann kommt man erst darauf, dass die Religionsgründungen, Religionen, religiösen Thaten und religiösen Gefühle Aeusserungen einer ganz besonderen menschlichen Seelenfähigkeit sind, die sich aber auch anders als „religiös" äussern kann und äussert, dass Religion nur eine Aeusserungsform des religiösen Genius ist. Dann erkennt man auch die Kunst als eine solche Form, sowohl die schaffende als die geniessende, und die Naturbegeisterung, und so manchen Geisteshauch, der um die Flamme weht, die