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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 785 - 786

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Berliner Judentaufen
Date
1902-11-01
Page
Seite 785 - 786 (sequence 2)
Language
German
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785 angenommen hatten, als zu ihren Stammesgenossen, welche am Alten festhielten und Neuerungen widerstrebten. Da sie aber gleichwohl als Juden alle Demütigungen und Zurücksetzungen hinnehmen mussten so trugen viele von ihnen kein Bedenken, das schwache Band, welches sie noch an die Synagoge fesselte, zu zerreissen, um durch die Taufe eine ihren Neigungen und Fähigkeiten angemessene Stellung zu erkaufen. Und der Uebergang zum Christentum war kein allzu schroffer. In der Kirche herrschte damals der Rationalismus, welcher nur das vom Christentum beibehalten wollte, was sich vor dem Forum der Vernunft rechtfertigen Hess. Mancher Taufpastor drückte ein Auge zu, wenn der Täufling ohne Glauben an Christus Christ werden wollte. Feldprediger Ch. W. Krause war sogar so weitherzig, einen Juden durch die Taufe in die „allgemeine Vernunftreligion" aufzunehmen. Der religiöse Führer der Gemeinde war Hirschel Lewin, ein Mann der alten Richtung, der sich über die Verachtung der väterlichen Bräuche und Sitten, wie sie von den Neuerern zur Schau getragen wurde, herzlich betrübte. Aber sein eigener Sohn Saul, obgleich selber Rabbiner, liebäugelte mit ihnen, und sein Enkel, der Oberlandrabbiner von Schlesien, wurde gar katholischer Christ. Zwei der angesehensten Familien der Friedericianischen Zeit, waren Veitel Heine Ephraim und Danie Itzig. Daniel Itzig (1722—1799), welcher arme jüdische Gelehrte an seinem Tisch speiste und gelehrte jüdische Werke auf seine Kosten drucken Hess. that. gewiss alles Mögliche, um seine Kinder religiös zu erziehen. Er hatte auch brave Töchtei, Sara Levy und Fanny v. Eskeles, aber die männlichen Nachkommen sind aus der Art geschlagen. Sein Sohn Isaak Daniel Itzig, der den Titel Hofbaurat führte, gehörte zu den „Hausvätern", welche sich — wie wir noch sehen werden — in ihrem Sendschreiben an Probst Teller zur Taufe erboten. Mit ihm schliesst das Geschlecht Itzig. Die Hitzig, welche folgen, haben sich zwar in Wissenschaft und Kunst hervorgethan, aber sie schämten sich des Judentums und des Namens Itzig. Zu ihnen gehört der berühmte Kriminalist Julius Eduard Hitzig (1780—1849) und sein Sohn, der hervorragende Architekt Friedrich Hitzig (1811—1881), Präsident der Akademie der Künste zu Berlin. Der erstere, ein Enkel Daniel Itzigs,. wollte ein guter Christ sein und bethätigte seine christliche Gesinnung auch dadurch, dass er in seinem Testamente der Berliner Judenbekehrungsgesellschaft ein Legat von 500 Thalern aussetzte. Der Architekt Hitzig erbaute an der Stätte, wo sein Urgrossvater Daniel Itzig gewohnt hatte, die Börse. Veitel Heine Ephraim zeigte sein Interesse für das Judentum durch die Stiftung der Veitel-Heine- Ephraim'schen Lehranstalt für talmudische und rabbinische Wissenschaft, welche noch heute besteht. Es ist aber bezeichnend, dass zu den Fiduciariern dieser Stiftung Paul Friedmann gehört, ein Nachkomme des 786 Stifters, der sich aber zur christlichen Religion bekennt. Ueberbaupt ist wohl kein Nachkomme Ephraims beim Judentum verblieben. Der langjährige Stadtrat und Syndikus von Berlin E. Eberty hatte das Christentum bereits vom Vater ererbt. Ein Ephraimit war auch Georg Ebers, der bekannte Aegyptiolog und Romancier. Freilich geriet dieser Gelehrte gewaltig in Harnisch, wenn man an seine jüdische Abstammung erinnerte. Als ihn einst die in Reichenberg erscheinende „Neuzeit" einen gewesenen Juden nannte, erliess er eine Erklärung, worin er voll Entrüstung ausruft: „Neid und Niedertracht denunzierten mich schon mehrmals lügenhafterweise als getauften Juden." Seine Mutter sei die beste Christin gewesen, die ihm je begegnet, und beide Eltern ruhten auf dem Berliner Dreifaltigkeitskirchhof im Ebers'schen Erbbegräbnis. Das mag ja alles richtig sein, aber wenn seine Mutter auch die beste Christin gewesen ist, so war doch seine Grossmutter, eine Tochter Lipmann Meyer Wulffs und Tante Meyerbeers, eine ebenso treffliche Jüdin, und Veitel Heine Ephraim, von dem er väterlicherseits abstammt, war ein Mann, dessen sich der Herr Professor, trotz seines echt jüdischen Namens und Charakters, wahrlich nicht zu schämen brauchte. (Schluss folgt.) Hfc.RiYLA.NiN blRÜ^K. Nach einem OelgemäLde. Portrait des Herrn M. E. S. Dr. N. Samter: Berliner Judentaufen.

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