Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Israel unter den Völkern
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 779 - 780 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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779 780 ISRAEL UNTER DEN VOELKERN. Von Professor Leon Kellner (Wien). „Womit ist das Ding zu vergleichen?" Die Strahlen der Junisonne glühen senkrecht auf die enge Gasse, die jetzt, um die Mittagsstunde, in noch stärkerem Masse als sonst die Geruchsnerven belästigt und das Atmen erschwert. Die Luft ist unerträglich in der Gasse. Ein rascher Gang, und ich habe den Saum des Meinen Städtchens erreicht. Die Nasenflügel öffnen sich weit, gierig dehnt sich die Brust. In den schlanken Halmen zur Linken spielt ein zarter Hauch, und die Millionen feiner Blütengehänge zittern an den Aehren und erfüllen die Luft mit einem unbestimmbaren, überaus wohlthuenden Duft: es liegt wie eine Ahnung vom lebenspendenden Brote in den ätherischen Wellen. Einige Schritte weiter, und die eben noch so liebliche Luft wird schwer, zudringlich: ein Meer von Gelb erstreckt sich zu beiden Seiten des Weges, und die dichten Rapsblüten betäubendas Gehirn. Rasch durcheile ich das üppige Feld, um den schreienden Farben und dem satten Gerüche zu entrinnen. Ach, was mich jetzt empfängt, ist .kein glücklicher Tausch. Die Luft ist mit einem Male feucht, beissend, voll Moder und Ekel: sogar das Auge schliesst sich vor den lebensfeindlichen Dünsten, die dem Sumpfe entsteigen. Gott sei Dank, da lacht wieder roter Klee — wie gut atmet sich's in diesem Felde! Hier, im Schatten der Weide, halte ich Rast. Und ich blicke im Geiste auf die eben verlebte Viertelstunde zurück: welch seltsame Mannigfaltigkeit in demselben Element! Luft war es in der Gasse, Luft im Kornfelde, Luft über dem Rapse, dem Sumpfe, dem Klee; und wie verschieden war sie in den verschiedenen Umgebungen geartet, wie verschieden in der Wirkung, bald Leben und Labung, bald Verwesung und Tod. Welch ein wunderbares Element, diese Luft, wie sie allgegenwärtig, unentrinnbar, unabwehrbar, unentbehrlich, unfassbar, lebenspendend, todbringend die Erde umgiebt! In dem grellen Mittagslichte sehe ich, wie sie in flimmernden Wellen aufsteigt von dem bunten Antlitz der Erde, höher, immer höher, — wie weit? Dort, am fernen Horizonte, steht es wie eine Strahlensäule, wie eine Pyramide, mit breitem, breitem Grunde und spitz zulaufendem Gipfel. Grausame, unersättliche Luft! Tag für Tag, Woche um Woche saugt sie das kostbare Nass aus dem Flusse, so dass nur noch ein schmaler, dünner Streifen zwischen weiten Kieselfeldern hinsickert; die Aecker reissen durstig Spalten und Ritzen auf, das Gras auf den Wiesen wird braun vor der Zeit. Und weiter saugen die Sonnenstrahlen, und die unbarmherzige Luft nimmt den feuchten Reichtum der verschmachtenden Erde auf und trägt ihn fort, fort, — wohin? Hoch oben, fast nahe der blauen Wölbung, die meinen Blick begrenzt, schwimmen leicht, zierlich, in reichem Masse weisse Sommerwolken dahin. Sie sind nicht vereinzelt da oben, sie kommen als Vorposten eines grossen Heeres. Ihr täuscht mich nicht, trotz eurer neuen harmlosen Gestalt: ihr seid derselbe Feind, der das Mark der Erde verzehrt, ihr seit nur Luft trotz eurer scheinbar festen Gestalt. Wohin segelt ihr mit dem kostbaren Gute, das ihr diesen Ebenen geraubt habt? Schattenhaft streckt sich die "Wolke, schwimmt schneller und enteilt. Aber andere ziehen von der Kimmung im Westen herauf: sie sind grösser, dunkler, vielgestaltig. Sie kommen von weit her, massig, gedrängt, von unsichtbaren Mächten gejagt, ihre Mäntel sind zerfetzt. Es ist dunkel geworden in der Welt, die Schwalben, die eben noch ihre flinken Bogen nahe der Erde ausführten, sind verschwunden; es ist ängstlich stille auf Wiese und Feld. Es ist Zeit, dass ich es den kundigen Vögeln nachthue und in der Scheune Zuflucht suche. Jetzt zuckt eine blaue Flamme durch die Wolken, und ein gewaltiger Donner erschüttert die Luft. Wieder scheint sich der Himmel zu öffnen, wieder hallt es bis an die Enden der Welt. Und nun schlagen schwere Wolken gegen das Strohdach, ein Windstoss fegt durch den Klee, — dann wieder ein Blitz, der das Wolkenmeer nach allen Richtungen durchfurcht, ein wildes Knattern und Krachen und darauf ein mattsilberner Strom, der auf einmal Himmel und Erde den Blicken entzieht.--- Wo kommt ihr ber, ihr segenspendenden, ruhelosen Himmelswanderer, wo habt ihr die Schätze gesammelt, die ihr jetzt mit solch grenzenloser Freigebigkeit auf fremden Boden auschüttet? Die Wolken geben keine Antwort, denn sie sind fort, keine Spur, ist von ihnen am blauen Himmel zu entdecken; aber die balsamische Luft, die wieder ihre Saugarbeit beginnt, flüstert das Geheimnis: „Was ich der Erde nehme, gebe ich tausendfach der Erde zurück." SS1« S^* K5*i fs^ K^* (§9** Aus dem Jüdischen Almanach. g>* S?* (§3** (g^* K5*< SS**