Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Lieder des Ghetto
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 763 - 764 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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763 Börries, Freiherr von Münchhausen: Lieder des Ghetto, 764 Eine schwermütige, tiefe Symbolik, verklärt und emporgehoben durch"das Mittel starker Stilisierung. Ein mir persönlidhbesonders sympathisches Blatt stellt eine wunderschöne Frau vor, auf deren Knieen die Leyer ruht, während oben im Reigen der Sterne die Sphärenharmonien erklingen. Ein weiteres Blatt zeigt einen Knaben von der schwermütigen Schönheit seines Stammes. Noch hängt ihm sein Himmel voll goldener Sterne, noch steigen die weissen Lilien rein und keusch vor ihm auf. Aber das Herz, das sich um ihn schliesst, ist abermals aus Dornen gebildet — selbst in den Frieden dieses Kinderbildnisses, selbst in seine Sterne und Lilien trägt der Künstler das düstere Symbol, das ihm vor allem lieb ist. Nachholenderweise will ich zu dem zugehörigen Gedichte „Mein Kind" bemerken: Das Arbeiterkind, das Rosenfeld schildert, hat einen grossen Wunsch. Von diesem Wunsche spricht sein Vater, der es bei Nacht aus dem Schlafe weckt, und auch die Mutter berichtet als sehnsüchtige Worte des Knaben die unten angeführten Zeilen. Was ist nun dieser Wunsch? Im deutschen Märchen wäre es die Königstochter, in deutschen Landen wäre es ein Spielzeug, vielleicht ein Helm, oder eine Peitsche. Bei Rosenfeld berichtet die Mutter: Wie nett er spricht! Wie klug er fragt! „O Mama,, gute Ma, Wann kommt und bringt ein Penny -mir Der gute, gute Pa? . . . E. M. LILIEN, (Verkleinerung aus Das sind grelle Schlaglichter aut die sozialen Kreise, die der Dichter schildert. Selbst den Kindern ist schon Geld das liebste, — die armen Kinder! Aber man versteht, dass es Kreise sind, von denen Morris Rosenfeld sagen kann: „Wir sind ja nur Juden und haben kein Geld!" Ich will nicht alle Vollbilder hier durchsprechen. Bei manchen wird dem Zeichner zum Vorwurf gemacht werden, dass er sich allzusehr an das Buch ,Juda" angelehnt, dass er sich wiederholt habe. Ich möchte ihn schon heute gegen diesen Vorwurf verteidigen. Zwei Bücher, die wie diese in ganz ähnlichen Stoffgebieten liegen, müssen auch in der Ausstattung grosse Aehnlichkeiten haben. Du lieber Gott, die Zahl der Symbole ist eben keine unbeschränkte! Davids wappen, Menorahleuchter und Chanukkalichter, die segnenden Hände der Leviten, — das sind schon fast alle! Und es ist geradezu bewunderungswürdig, wie innerhalb dieses Stoffgebietes die Phantasie Liliens hundert neue Kombinationen und Motive gefunden hat. Alles in allem sind die „Lieder des Ghetto" ein Buch, das jeder mit weihevoller Andacht in die Hand nehmen, keiner ohne tiefe Eindrücke aus der Hand legen wird. Dem Buche und den Künstlern ein herzliches „Glück auf!" DER DRECHSLER. „Lieder des Ghetto«*.)