Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Über die Kultur
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 727 - 728 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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727 Achad Haam: Ueber die Kultur. 728 stehen; denn wenn auch seine Aufgabe nicht in der Verbreitung der Kultur besteht, so ist es seine Pflicht, sie zu nationalisieren. Aul einem Kongresse ertönte die Parole: Die Gemeinden für uns gewinnen! Und es sollte nach meiner Meinung heissen: „Die Schulen gewinnen!" Zunächst müsste aber die Meinungsverschiedenheit, die hinsichtlich der Erziehung unter den Zionisten herrscht, beseitigt werden. Es giebt eine sogenannte liberale und eine traditionelle Erziehung. Letztere für antinational zu halten, wäre natürlich lächerlich Und doch ist es eine unbestreitbare und tieftraurige Thatsache, dass die im Geiste der Tradition aufgewachsene Jugend im besten Falle indifferent — im schlimmeren der nationalen Bewegung feindlich gegenübersteht. Auf dem letzten Kongresse in Basel hat ein Rabbiner die Aeusserung gethan, dass ein orthodoxer Nichtzionist zwar auch ein Jude — aber ein unlogischer Jude — sei. Wenn also eine so zahlreiche Menge von unlogischen Juden vorhanden ist, so müssen die Herren von „Misrachi" auch das Unlogische der traditionellen Schule einsehen. Es ergiebtsich hieraus eine ganz einfache Schlussfolgerung: Beide Parteien müssen ihrer gemeinsamen Pflicht, der Nationalisierung der Schulen, .gerecht werden, wobei die Leitung der traditionellen Schulen den Orthodoxen und die der reformierten den Liberalen überlassen werden muss. Ich bestehe nur daraul, die gemeinsame Organisation soll diese Arbeit fördern und das Hauptaugenmerk darauf richten, dass beide Parteien gleichmässig und frei dem Nationalisierungsprinzip treu bleiben. Die Absicht, da irgend welchen Zwang auszuüben? liegt mir fern; ich beanspruche einzig und allein für uns dieselben Rechte, die die Orthodoxen haben. Denn ich begreife die orthodoxen Nichtzionisten sehr wohl; ihre feindliche Stellung der Kulturfrage gegenüber, ihr Sich-Fernhalten von der Fortschrittspartei — das alles ist klar und konsequent. Aber wie man mit dieser Partei mitarbeiten und mitgehen, und die Erziehung der Jugend ihrem Einfluss entziehen lassen will, verstehe ich nicht. Aber es ist einmal so und man muss damit rechnen. Deshalb lassen wir es allen frei, ihre Kinder nach ihrem Erachten zu erziehen nur dass wir dem grossen Ziele — der. Schaffung einer Heimstätte für den jüdischen Nationalgeist — mit allen Kräften entgegenstreben. Ich stelle demnach zur Erwägung zwei Anträge: 1. Von dem Standpunkte ausgehend, dass die Entwickelung der jüdischen Kultur unlösbar mit dem Zionismus verbunden ist und dass diese, wegen ihres differenzierten Charakters eine besondere Organisation benötigt, hält die russische Zionisten-Konferenz es für angemessen, die Gründung einer allgemein-jüdischen Organisation vorzuschlagen, die in steter Verbindung und gemeinsamer Thätigkeit mit der zionistischen Organisation, der Realisierung des Zionismus in kultureller Beziehung zustrebe. Zu diesem Zwecke erwählt die Konferenz eine Kommission zur Ausarbeitung eines genauen Planes einer diesbezüglichen Organisation, der nach vorher erfolgter Genehmigung der nächsten Konferenz der russischen Zionisten dem nächstfolgenden (Welt -) Kongresse vorgelegt werden soll. 2. Den Beschluss des Kongresses bezüglich der nationalen Erziehung deutet die Zusammenkunft der russischen Zionisten dahin, dass beide jetzt vorhandenen Erziehungstendenzen: die national-traditionelle und die national-liberale im Verhältnis zum Zionismus gleichberechtigt sind und von der zionistischen Organisation in gleichem Maasse, je nach den lokalen Bedürfnissen, gefördert werden müssten. Zum Schluss nur noch ein paar Worte. Es kommt mir eine talmudische Legende in den Sinn. Als Moses zum Himmel emporstieg, um die Schrift entgegenzunehmen, wurde ihm eröffnet, dass dereinst in weiter, weiter Zukunft, ein grosser Mann, namens Akiba, leben und seine Lehre erklären werde. Moses äusserte den Wunsch, diesen Menschen sehen zu dürfen, und es wurde ihm alsbald gewährt. Und Moses sah den Akiba, von Schülern timringt, die seinen Worten lauschten. Auch Moses hörte ihm zu, aber er verstand gar nichts. So weit ist die Lehre von ihrer Urquelle abgewichen. Plötzlich hörte Moses die Worte sagen: „Dies wurde uns von Moses gegeben." Und da begriff er erst, welches Band ihn mit Akiba verknüpfte. Er begriff sein Wesen. Und dieses Band besteht, trotz der äusseren Differenzen, noch heutzutage weiter fort. Die Idee lehrt Disziplin und schafft Organisationen; mit Formalitäten lässt sich nichts erreichen. . In der richtigen Auffassung seiner Existenz liegt die Rettung des Judentums. Alle müssen vom Gefühl durchdrungen sein, dass die weitere Entwickelung der nationalen Kultur eine Lebensfrage ist. Dann ist keine Sorge um eine treue Schar. Die Schüler Akiba's sassen still zu Füssen ihres grossen Meisters und lauschten pietätvoll der Deutung der heiligen Thora. Sie kannten weder die Kriegskunst, noch die Disziplin. Aber als ein kritischer Moment im Leben des jüdischen. Volkes kam, wurden die Schüler Akiba's, diese friedlichen, ruhigen Menschen, zu Helden. Und es ist ganz einfach: sie fühlten, dass das Grundelement ihres Lebens, ihr höchstes Gut gefährdet war und standen wie ein Mann zu seiner Verteidigung auf. Denn „lo bechail, welo bekoach, ki im beruach! (Nicht mit Heeresmacht und nicht mit Machtgewalt, sondern mit unserem Geiste"). (Uebersetzt von Anna Brümann.)