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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 723 - 724

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Über die Kultur
Date
1902-11-01
Page
Seite 723 - 724 (sequence 2)
Language
German
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723 Achad Haam: Ueber die Kultur. 724 Dies ist ein ebenso grosses nationales Unglück wie das materielle Elend. Und wenn die zionistische Organisation zur Beseitigung des materiellen Elends einem schwer zu realisierenden Ideale entgegenstrebt, so haben auch wir ein Recht, uns ein Ideal zu schaffen, das darin bestehen wird, ein für die Wiedergeburt des nationalen Genies unumgängliches geistiges Centrum zu bilden, wo die intellektuellen Kräfte des jüdischen Volkes sich konzentrieren könnten, wo der nationalen Individualität freie Entfaltung gewährt und sie der hypnotischen Einwirkung der sie umgebenden Gesellschaft entzogen würde. Die Gründung einer einzigen Universität, einer Akademie oder Kunstschule als ein solches Centrum wäre von grösserer Bedeutung als die hunderter von Kolonien. Es ist dies meine persönliche Meinung. Dieses Ideal benötigt eine ebenso intensive Thatkraft wie der politische Zionismus. Es könnte hier der Einwand erhoben werden, dass eine ähnliche Handlungsweise abnorm wäre, dass jede naturgemässe Entwicklung eines Volkes von unten herauf gehe, nicht umgekehrt, dass ein Volk zuerst ökonomisch auf festem Boden stehen muss, worauf erst eine graduelle Evolution auf anderen Gebieten beginnt. Ja, es ist dies vollkommen wahr. So ist der gewöhnliche Entwicklungsgang derjenigen Völker, die unter normalen Verhältnissen leben. Aber was sollen wir thun, wenn uns ein anderes Los beschieden war! "Was können wir dafür, dass unter uns ein Salomo Maimon gleichzeitig philosophische Traktate schrieb und das deutsche Alphabet lernte! Auch wir sind genötigt, zu gleicher Zeit Denker zu entwickeln und das Alphabet zu lernen; wir müssen auf den untersten und auf den obersten Stufen zur selben Zeit bauen. Es ist abnorm, aber notwendig. Ich meine, dass unsere Arbeit nicht für lange hinauszuschieben sei, ebenso wie Ihr bei der Eurigen die ökonomischen Vorbedingungen in der Kolonisation nicht abwartet. "Wir wollen alle unserem Ideale, der Errichtung einer Heimstätte in Palästina, entgegenstreben und inzwischen alles anwenden, was zur Realisierung dieses Ideals nötig ist. Es liegt eine kolossale Arbeit vor uns, und zu ihrer Ausführung werden wir eine ebenso starke Organisation benötigen wie die, welche wir schon besitzen. Es müssen zwei parallelle Organisationen sein, die von verschiedenen Menschen geleitet werden sollen. Diejenigen, die Schekel sammeln, sind nicht immer für eine Organisation der Kulturarbeit tauglich. Beide Teile müssen gleichzeitig wirken, um sich in dem gemeisamen Ideale: der Errichtung einer Heimstätte für das jüdische Volk und die jüdische Kultur, zu vereinen. Es könnte hier der Einwand erhoben werden, dass eine solche Organisation infolge des vielseitigen Interesses an und für sich geschaffen wird, oder dass sie antizionistisch werden könnte. Doch würde in diesem Falle der eine Einwand dem anderen widersprechen. Denn wird eine derartige Organisation ins Leben gerufen, so ist es der beste Beweis dafür, dass sie ein Lebensbedürfnis des Volkes war, und somit ist es unsere, d. h. derjenigen Leute, denen das Wohl des Volkes am Herzen liegt, Pflicht, an dieser Organisation mitzuwirken. Auf diese Weise haben wir auch die Garantie, die Organisation in unserem Sinne wirken zu sehen. Denn wenn es möglich war, bei der Gründung einer Bank, deren Aktien auf der Börse verkauft werden, zu garantieren, dass die Aktien nicht in fremde Hände geraten würden, um wie viel leichter ist es, dafür zu sorgen, dass eine, zu kulturellen Zwecken errichtete Organisation vom eigentlichen Wege des Zionismus nicht abgelenkt werde! Ich glaube demnach, dass niemand, sogar die Herren von der Rechten, die Notwendigkeit und den Nutzen einer jüdischen Kultur abstreiten werden. Ich kann zur Bekräftigung meiner Behauptung zwei Thatsachen anführen. Erstens wird im Cirkular (No. 1) des „Misrachi" darauf hingewiesen, dass die Erhaltung und Verbreitung der Thora ihr Hauptziel sei; und es ist wohl jedem klar, dass dieses Ziel ein rein kulturelles ist. Ausserdem kann ich mich auf eine wichtige Stelle im Protokolle des letzten Kongresses berufen. Es haben da nach einer eifrigen Diskussion die Rabbiner einen Antrag gestellt, worin sie das von der Kulturkommission angenommene Programm in einigen Punkten billigen. Auch sie waren für die Gründung einer jüdischen Universität, wie für die Herausgabe einer Encyklopädie etc.; sie traten nur gegen den ersten Punkt auf. Es geht also daraus hervor, dass die Rabbiner nicht der Kultur, sondern der Hebung des intellektuellen Niveaus der jüdischen Masse entgegentreten wollen. Und gerade in dieser geistigen Hebung besteht der zweite Teil unserer Arbeit. Es giebt unter unserem Volke fast keinen einzigen Analphabeten, es zeichnet sich durch eine lebhaftere Auffassungsgabe und eine grössere Anpassungsfähigkeit als andere Völker aus. Soll uns aber das genügen? ' Weiter geht wohl das Ideal des Assimilatoren nicht, als womöglich dem Herrn ähnlich werden! So ein echtes Lakaienideal. Es handelt sich hier nicht darum, ob die Juden in kultureller Beziehung den anderen Völkern voran sind oder nicht. So tief sind wir noch nicht gesunken, und dass es nicht der Fall ist, so beweist dies nur, was wir unter günstigen Umständen hätten werden können. Denn die ganze Tragik unserer Lage besteht eben darin, dass wir uns weder frei bewegen, noch frei entwickeln können. Ich will durchaus nicht sagen, dass der Zionismus eine Organisation zur Verbreitung von Bildung werden soll. Das Leben selbst erzeugt das Streben nach Kultur, und dies Streben wird auch ohne Zuthun des Zionismus sich Bahn brechen. Der Zionismus aber kann keineswegs abseits von der Kulturbewegung

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