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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Date
1902-11-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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ÖST^WE ST ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von DAVIS TRIETSCH und LEO WINZ. .Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. lieft 11 November 1902 II. Jahrg. UEBER DIE KULTUR.*) Referat von Achad Haam, erstattet auf der allrussischen Zionisten-Konferenz in Minsk. II. Es ist auch demnach leicht begreiflich, dass unter solchen Umständen nichts Ernstes geschaffen werden konnte. Deshalb haben auch die Gebiete der jüdischen Wissenschaft, deren Erforschung christliche Gelehrte übernommen haben, eine höhere Stufe erreicht, als diejenigen, mit denen Juden sich beschäftigen. Dies haben wir in' der Untersuchung der jüdischen Wissenschaft nachgewiesen. Ein zweites Gebiet, wo wir die Entwicklung der geistigen Kräfte des Volkes verfolgen können, ist die Litteratur. Ich verstehe darunter nur das in unserer nationalen Sprache niedergelegte Schrifttum, denn nur das allein kann als national erachtet werden. Alles, was in anderen Sprachen geschrieben ist, kann natürlich gut und auch unentbehrlich sein, aber national ist es nicht. Weshalb wird nicht über die nationale Litteratur Amerikas gesprochen, trotzdem es dort viele Schriftsteller und Dichter giebt? Weil sie alle in der älteren englischen Litteratur vollständig verschwinden. Ich halte also für unsere nationale Litteratur nur die Erzeugnisse, die in jüdischer und zwar in hebräischer Sprache geschrieben sind. Denn der Meinung derer, die glauben, dass es jetzt eine neue jüdische Sprache — den Jargon — gäbe, und dass sie die von unseren Ahnen ererbte hebräische verdrängen könnte, muss ich entschieden widersprechen. Ich bestreite die Nützlichkeit des Jargons nicht, ich begreife, dass wir uns einer Sprache bedienen müssen, vermittels welcher wir allein imstande sind, uns mit dem Volke zu verständigen. Aber manche treiben es so weit, dass sie den Jargon zur Literatursprache machen, ihn an die Stelle der hebräischen setzen möchten. Es lässt sich *) Siehe Heft 10 „Ost und West.* kein analoges Beispiel in der Geschichte nachweisen, wo ein Volk eine verhältnismässig junge Sprache zu seiner nationalen Sprache gemacht hätte; denn als solche kann nur diejenige bezeichnet werden, die mit seinem Bewusstsein verwachsen ist und vor deren Dasein es sich als vorhanden gar nicht denken kann. Den Aerzten sind die Fälle von Aphasie wohlbekannt, wo der Mensch alles, was er sich während seines Lebens angeeignet, vergisst und nur die Muttersprache, diejenige,, in der die ersten Eindrücke des Kindes zum Ausdruck kommen, am längsten im Gedächtnis behält. Aber es giebt auch wichtigere, praktische Gründe: Der Jargon verschwindet sowohl bei uns als in Amerika, wo er nur dank dem beständigen Einwand ererzuüuss noch besteht. In diesem Saale bedient sich wohl eine gute Hälfte der Anwesenden nicht mehr des Jargons, und ihre Kinder werden ihn ganz gewiss nicht mehr verstehen. Sollten wir die Entwickelung der Jargonlitteratur fördern, so müssen wir uns darauf gefasst machen, in hundert Jahren mit zwei toten Sprachen belastet zu sein. Und ich glaube nicht, dass man dann dem Jargon ebenso pietätvoll anhängen wird, wie der hebräischen Sprache. Ich kann also mit Recht als nationale Litteratur nur die hebräische betrachten. Nur muss da die traurige Thatsache erwähnt werden, dass auch diese Litteratur, seit dem Beginn der sogenannten Aufklärungsperiode im Niedergang begriffen ist. Man kann kein einziges Werk aufweisen, worauf der Stempel der Eigenartigkeit ausgeprägt wäre. Wir finden nur eine Masse von Uebersetzungen und Nachahmungen vor. Alle besseren Kräfte verlassen uns, und es bleiben bei uns nur diejenigen, die keinen Ausweg finden.

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