Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- [An..."Die Bodenreform in Israel" schließen sich folgende Ausführungen an:...]
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 711 - 712 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583901--02167-2586249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
711 Litterarisches und Miscellen. 712 sind, dass das Christentum die Durchführung bodenreformerischer Grundsätze als Pflicht fordert. Das verehrte Vorstandsmitglied unseres Bundes, Pastor Zollmann, geniesst in kirchlichen Kreisen begründetes Ansehen. Seine Schrift: „Natur und Offenbarung" ist preisgekrönt und viel verbreitet. Er hat eine Predigt drucken lassen: „Das Christentum und die zukünftige Volkswirtschaft", und zwar in einer Sammlung, die der deutschen Kaiserin gewidmet ist. Hier behandelt er von unserem Standpunkte aus jenes viel zitierte Wort aus der Bergpredigt: „Ihr sollt nicht sorgen und sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen." Nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes, nicht nach seiner Barmherzigkeit, nach seiner Liebe! Nach der •Gerechtigkeit, der Grundlage aller gesunden wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen es niemand nötig hat, Seele und Leib verkommen zu lassen im Schmutz und Elend, in Angst und -Qual um des Lebens notdürftige Kleidung und Speise. Zollmann giebt in seiner Predigt dann eine Rede Adolf Wagners in dem „Bunde deutscher Bodenreform er" wieder: „Es giebt Personen, die jählich eine halbe Million durch Grundstücksspekulation verdienen; die Zahl der Mieter, der Kaufleute und Handwerker, bezahlt sie. Das ist Ausbeutung. Alle Parteien könnten sich hier vereinen," und Zollmann fügt hinzu: „wenigstens alle diejenigen müssen es, welche die Gerechtigkeit des Reiches Gottes auf Erden wollen verwirklicht sehen." In der katholischen Kirche stellten sich ähnliche Stimmen in steigender Zahl ein. Des Erzbischof Nulty Hirtenbrief für die Bodenreform ist bekannt: „Diese grosse sozialökonomische Wahrheit (Bodenreform) scheint mir von unberechenbarer Wichtigkeit, und es ist in der That ein glücklicher Umstand, wenn, selbst nach den strengsten Prinzipien der Gerechtigkeit, diese Wahrheit sich auch nicht durch einen Schatten von Ungewissheit oder Zweifel verdunkeln lässt. Es liegt hier überdies ein besonderer Reiz und eine eigenartige Schönheit in der Klarheit, mit welcher diese Wahrheit die Weisheit und die wohlwollenden Absichten der göttlichen Vorsehung enthüllt; sowie auch in der bewunderungswürdigen Vorsorge, die Gott für das Wohl und die Bedürfnisse der Gesellschaft getroffen hat. Ein gewaltiges gemeinsames Eigentum, ein grosses nationales Vermögen ist unter die Herrschaft und zur Verfügung der Nation gestellt. Es bietet eine reichliche Einnahmequelle zur Deckung aller Ausgaben für die Regierung, für die Justizverwaltung, für die Erziehung der Jugend, und es ermöglicht dem Staate, für einen angemessenen Lebensunterhalt seiner Armen zu sorgen. Eine merkwürdige Eigentümlichkeit dieses Eigentums ist ferner sein Wert, welcher nie stabil bleibt. Er steigt fortwährend und wächst in direktem Verhältnisse zu der Zunahme der Bevölkerung. Dieselben Ursachen, welche die Anforderungen an den Grundwert für gemeinnützige Zwecke erhöhen und vervielfältigen, -vermehren thatsächlich auch verhältnismässig seine Ergiebigkeit, um denselben zu genügen." Weiter sagt der Autor des Artikels, welcher in den deutschen Bodenreformbestrebungen eine führende Stellung einnimmt: Aber das eine soll bleiben: Jede ernste Beschäftigung mit dem gewaltigen Manne, mit Moses, in dem drei Weltreligionen: das Christentum, das Judentum und der Islam den Dolmetscher des Allerhöchsten sehen, führt dahin, dass dieser Mann den Bodenwucher nicht milder auffasst, als Mord und Raub und Gotteslästerung. Dieselben Verheissungen verspricht er, mit denselben Strafen droht er, hier und dort. Wir haben ein Recht, uns als die Vertreter der höchsten Sittengesetze anzusehen, wenn wir unter unseren Verhältnissen nach Reformen ringen, die es ermöglichen sollen, „dass unser Volk in dem Lande, das der Herr ihm gegeben, sicher wohne," wenn wir unsere Pflicht erfüllen im Kampfe um die deutsche Bodenreform! .... * * * Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der den Juden gewogen gewesen wäre; und so unbedingt auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiten von Seiten aller Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch auch diese Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls selber, sondern nur gegen seine gefährliche Unmässigkeit, insbesondere gegen den abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmässigen Gefühls — darüber darf man sich nicht täuschen. Dass Deutschland reichlich genug Juden hat, dass der deutsche Magen, das deutsche Blut Not hat (und noch auf lange Zeit haben wird), um auch mit diesem Quantum „Jude" fertig zu werden — so wie der Italiener, der Franzose, der Engländer fertig geworden sind, infolge einer kräftigeren Verdauung —: das ist die deutliche Aussage und Sprache eines allgemeinen Instinktes, auf welchen man hören, nach welchem man handeln muss. „Keine neuen Juden mehr hinein lassen! Und namentlich nach dem Osten (auch nach Oesterreich) zu die Thore zusperren!" Also gebietet der Instinkt eines Volkes, dessen Art noch schwach und unbestimmt ist, so dass sie leicht verwischt, leicht durch eine stärkere Rasse ausgelöscht werden könnte. Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sie verstehen es, selbst unter den schlimmsten Bedingungen sich durchzusetzen (besser sogar, als unter günstigen), vermöge irgend welcher Tugenden, die man heute gerne zu Lastern stempeln möchte, — dank, vor allem, einem resoluten Glauben, der sich vor den „modernen Ideen" nicht zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen macht, als ein Reich, das.Zeit hat und nicht von gestern ist —: nämlich nach dem Grundsatze „so langsam als möglich!" Ein Denker, der die Zukunft Europas auf seinem Gewissen hat, wird, bei allen Entwürfen, welche er sich über diese Zukunft