Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Miscellen / Acher, Mathias
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 707 - 708 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
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701 708 LITTERARISCHES UND MISCELLEN. Die von mir in „Ost und West" veröffentlichten Aufsätze zur Judenfrage sind nicht ohne publizistischen Widerspruch geblieben. Von Gründen ist dabei bisher nur wenig hervorgekommen. In recht persönlicher Weise geführt, beutet diese Polemik vielmehr den Umstand aus, dass in einigen Zeitschrift-Artikeln doch nicht die ganze Frage behandelt, ein volles Bild meiner gegenwärtigen Anschauungen und ihrer .Entwickelung nicht gegeben werden kann. Ich habe mich daher entschlossen, in meinen weiteren Artikeln auf diese Angriffe nicht zu antworten, dagegen eine Schrift vorzubereiten, in der das ganze Material nach allen Richtungen hin so bearbeitet werden soll, dass über die Lückenlosigkeit und die sachliche Entstehungsweise meines heutigen Anschauungen-Systems ein ehrlicher Zweifel nicht mehr möglich sein wird. Allerdings kann ich diese Arbeit nicht für die nächste Zeit versprechen, da ich von Berufsgeschäften überhäuft bin und bereits übernommene litterarische Verpflichtungen zu erlüllen habe. Bis die Schrift fertig wird, muss ich Gegner — die überzeugt sein wollen und darum die Mühe nicht scheuen, aus verschiedenen Arbeiten eines Mannes ein Bild seiner Entwickelung, seiner Stellungnahme zu irgend einer Frage, seiner Weltanschauung, zu gewinnen — auf die bisher erschienenen und die weiteren Artikel aus meiner Feder verweisen. Wien, den 28. September 1902. Mathias Acher. * * * Aus dem französischen Nordafrika. Von Emil Ney. Ist Algier auch eine moderne Stadt, in der die selten gewordenen monumentalen Erinnerungen aus der Vergangenheit fast eindruckslos untertauchen, so hat es doch seinen ganz besonderen Reiz: das ist die intime Mischung der Nationen und Rassen, die hier zusammengewürfelt sind, und die unter dem Schutz eines republikanischen Staatslebens in freier Konkurrenz gegen- und miteinander wirken können. Das gemeinsame Band, das sie in Verkehr erhält, ist die französische Sprache. Die Spanier und Italiener eignen sie sich am leichtesten an, und schon die zweite und dritte Generation hat fast ohne Ausnahme ihre Heimat und deren Sprache vergessen; den aristokratischen und vermögenden Araber reizt die Möglichkeit, ein Staatsamt und einen Orden zu erlangen; er entschliesst sich vielfach, seinen ältesten Sohn in die französische Schule zu schicken, damit er Jurist oder Offizier werde. Den armen Araber, .der als Hausbursche, Taglöhner, Wasserträger oder Stiefelwichser, als Zeitungs- und Blumenhändler, als Handwerker und Dolmetscher sein Brot verdienen muss, zwingt schon die Not des Lebens zur Aneignung der allgemeinen Umgangssprache, und selbst die verschleierte Araberin dient nicht selten als Kindermädchen bei den Europäern. Am vollständigsten aber hat sich die eingesessene jüdische Bevölkerung von der französischen Civilisation absorbieren lassen. Das düstere Kostüm, das die Juden unter der Araberherrschaft tragen mussten, und das sich in anderen Teilen der Kolonie noch erhalten hat, ist in Algier nahezu vollständig verschwunden; nur in der orthodoxen Synagoge der Rue Randon kann man beim Samstag- Gottesdienst noch vereinzelte Greise sehen mit ihren schwarzen Jacken und Pumphosen, blauen Strümpfen und einem bunten Turban; die Mädchen und jungen Frauen zeichnen sich übrigens auch in der europäischen Kleidung noch durch ihre Schönheit aus und haben durch die Aufgabe ihrer alten, reichen Tracht kaum verloren. Vier Fünftel der jüdischen Einwohner sind arm; sie leben als Kleinhändler, Handwerker und Taglöhner kümmerlich und nüchtern wie der Araber; im jahrhundertlangen Verkehr mit diesem hat sich der Jude die arabische Sprache zu eigen gemacht. Neben dieser Geschäftssprache stellt ein besonderer, aus hebräischen, arabischen und spanischen Elementen herausgebildeter Jargon seine Umgangssprache dar, die jedoch seit einem halben Jahrhundert immer mehr vom Französischen verdrängt wird; in Algier spricht der Jude jetzt auch in der Familie fast nur noch Französisch. In Frankreich hat man diese rasche Entwickelung und Anpassung der eingeborenen Juden in früheren Jahren ohne Vorbehalt anerkannt, da sie den Verkehr mit den Arabern vermittelten und erst die Vorbedingungen einer friedlichen Kolonisation lieferten; die dritte Republik beeilte sich auch, die Juden zu emanzipieren durch das Dekret Cremieux vom 24. Oktober 1870, welches ihnen alle Rechte und Pflichten des französischen Staatsbürgers übertrug. Diese politische Emanzipation zog die Juden aber bald in die politischen Kämpfe hinein und führte in den letzten Jahren wieder, wie bekannt, zu Ausbrüchen des Antisemitismus, die durch ihre Heftigkeit im Mutterland lebhafte Beunruhigung hervorriefen. Jetzt ist diese Bewegung wieder im Verschwinden begriffen. * * * An den im. August-Heft von „Ost und West" veröffentlichten Artikel „Die Bodenreform in Israel" schliessen sich die folgenden Ausführungen an: Wie weit die israelitische Religion als solche heute noch die Erfüllung der angedeuteten mosaischen Gesetzgebung fordert, weiss ich nicht. Als wir Henry Georges „Moses" verbreiteten, schrieb uns darüber der Charlottenburger Rabbiner Dr. Kroner ein Urteil für die „Deutsche Volksstimme" (siehe „Deutsche Volksstimme" 1900, S. 520), das die ewige Geltung auch der Ackergesetze und der WohlfahrtsVorschriften jenes Gesetzes betonte. Die Folgen solcher Auffassung liegen auf der Hand. Und das Christentum? Christus selbst sagt: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen." Und es giebt in unseren Reihen christliche Theologen von Namen, die der Ueberzeugung