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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 695 - 696

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Moschele
Date
1902-10-01
Page
Seite 695 - 696 (sequence 1)
Language
German
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695 696 MOSCHELE. Von Schalom Asch (Warschau). (Autorisierte Uebersetzung aus dem Jüdischen von Berthold Feiwel.) Immer war Moschele ein nachdenkliches, versonnenes Kind. Gar wenn die gute, schöne Abendsonne in goldig-roter Glut leuchtete, sass er lange da, in allerlei Gedanken versunken. Manchmal freilich vergass er über „Pferdchen- und Wagen-"Spiel alles Sinnen und Träumen. Moschele war ein schöner Junge mit roten Backen, schwarzen Haaren, mit Kirschenlippen und blitzenden Augen. Er ging schon zum „Cheder", und Reb Jehuda Hirsch war sein Lehrer. Manchmal hielt ihm der Lehrer eine Strafpredigt: Wie die Vergeltung und Strafe in jener Welt gar hart und schrecklich wäre, wie die Sünder gebraten und gesotten würden, wie sie allein das Holz zur Hölle tragen müssten, wie man sie dann in Pech tauche und in die Flammen werfe . . . Das war ein böser Gedanke, der sich Moschele tief ins Herz eingrub. Oft konnte er die schlimme Sache vergessen, besonders wenn er sich auf der Gasse herumtummelte oder allerhand Spiel trieb. Aber wenn das Abendrot aufzog und gar wenn die Sonne untergegangen war und der Mond am Himmel stand, da pflegte der böse Gedanke wieder zu erwachen. Und Moschele dachte: Gott ist gut. Das sieht man doch an der wunderschönen Welt, die er geschaffen hat. Die Sonne, ehe sie im See untertaucht, der dort am Wald liegt, schaut doch so zärtlich, so herzlich auf uns. Man glaubt, sie grüsst oder schickt Küsse. Und der Mond, der so mildes, süsses Licht auf die Erde giesst! Und die lieben blitzenden Sterne! Und der Wald mit den herrlichen grossen Bäumen und den Blumen, die so süss duften! Und das Allerschönste, der stille See, wo bei Nacht die Geister baden! . . . Und das alles hat Gott geschaffen. Und das Gute, Süsse und Liebe hat er in alles hineingelegt. Ja, Gott ist gut, Gott ist lieb! So dachte Moschele. Doch dann, wie kam doch das, wovon der Lehrer gesprochen hatte: „Die Sünder fallen hin vor den Thron Gottes, den Segen zu empfangen. Aber böse Engel verjagen sie von dort und treiben sie mit glühenden Gerten in die Hölle." Und die Hölle brennt — ein furchtbares Feuer. „Und man taucht sie in Pech und wirft sie ins Feuer." „Und dann macht man sie wieder lebendig und setzt sie auf Stachelpferde. ..." . Das alles malte sich Moschele aus, dass. er's leibhaftig schauen konnte. Er sah die unglücklichen Geschöpfe, die gemartert werden unter den grausamen Händen der bösen Engel. Er hörte ihre Weherufe, er sah ihre Thränen „ Rebbe, warum thut man ihnen so?" fragte er voll Verwunderung und voll tiefsten Mitleids. . „Verstehst nicht, Närrchen? Weil sie Sünder sind. „Rebbe, wer macht sie zu Sündern?" „Sie machen sich selbst dazu. Der gute und der schlechte Weg steht bei den Menschen allein. ..." Moschele versank in tiefes Sinnen. . . . „Rebbe, und Gott kann thun, was er will?" „Gewiss, gewiss, gewiss!" „Und auch aus Sündern Gerechte machen?" „Gewiss." „Warum macht er dann nicht aus allen Sündern Gerechte?" „Damit der Mensch allein Busse thue, verstehst Du?" Moschele zuckte mit den Achseln. Das verstand er nicht. „Gott hat alles erschaffen: den guten Himmel, die süsse Nacht, den schönen Mond und die lieben Sterne." „Und derselbe Gott hat gute und schlechte Menschen erschaffen." „Und die schlechten Menschen peinigt man in jener Welt mit jeder Art von Qual und Drangsal." „Und Gott kann bewirken, dass die schlechten Menschen gut werden." „Und Gott ist ein guter Gott, ein lieber Gott." „Und doch sagt der Rebbe: Die schlechten Menschen werden gepeinigt. Sie klammern sich an Gottes Thron. Doch böse Engel vertreiben sie von dort. . . . Und Gott sitzt auf dem Thron und sieht zu." „O, wenn ich Gott wäre" — denkt Moschele und errötet —, „nur eine einzige Minute, nicht mehr, ich wollte es so einrichten, dass alle gerecht, dass alle gut und fromm sein sollen." „Alle Güte, die im Himmel ist, wollte ich zusammennehmen und sie unter die Menschen verteilen." . . . „Ei, wäre das ein Leben! Alle wären gut! Keiner würde böse werden, nicht der Vater, nicht der Rebbe — nicht einmal der Tempeldiener!" „Und wäre im Himmel zu wenig Güte, dann wollt ich auch gerne noch das bischen Güte, das in meinem Herzen ist, dazulegen . . . ."

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