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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 655 - 656

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Ein russisch-jüdischer Kongress
Date
1902-10-01
Page
Seite 655 - 656 (sequence 4)
Language
German
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655 Davis Trietsch: Ein russisch-jüdischer Kongress. 656 im unjüdischen "Westen verändern Juden gewöhnlich ihr Verhalten zu einander, sobald sie sich als Juden erkannt haben; je nach Veranlagung lassen die einen die Reserve, die anderen den Respekt zurücktreten, womit sie Fremde gemeinhin zubehandeln pflegen. Das Sich-als-Juden-Erkennen wirkt wie ein Freimaurerzeichen. Und nun in Russland: mit welcher Herzlichkeit wird da der jüdische Gast von seinen Stammesgenossen empfangen, die als Volljuden sich naturgemäss ganz anders geben als die Halb-, Viertel- und Zehnteljuden, die „Auch-Juden" des Westens. Wie anders geht, man im Judentum auf in dieser fast jüdischen Welt, in welcher jeder Pulsschlag in irgend einem Gliede des weitverzweigten (um nicht zu sagen zerstückelten) jüdischen Volkskörpers gefühlt wird, wie sonst nur an noch einem Punkte der Erde — in Palästina! Wahrlich, der jüdische Osten Europas und unser altes Stammland mit ihren Judenschaften bilden sich immer mehr zu den „zwei Herzen" der weitzerstreuten Judenheit heraus, von denen aus immer kräftiger und frischer das jüdische Blut und jüdische Denkart zu cirkulieren beginnen, überall, wo Juden wohnen, und alle mit neuen Banden jüdischer Solidarität umschlingend. Nach einer langen Periode erhöhter Duldung, wie die Aufklärungszeit sie uns vielerorten gebracht hat, wrerden wiederum in unseren Tagen die Juden auf sich selbst zurückverwiesen. Wiederum nirgends mehr ganz und rückhaltlos als gleichberechtigt anerkannt, werden die abgestorbensten und scheinbar totesten Trümmer und Einzelglieder der jüdischen Gemeinschaft wieder dem Volksganzen angeklebt, zugerechnet und schliesslich eingefügt, und Zahl und Gewicht der Juden dadurch vermehrt. Und die Folge ist ein grösseres Judentum und ein grösseres „Zion", nach welchem das Streben sich allenthalben bemerkbar macht. Sir Charles Düke, der „Erfinder" und Namengeber von „Greater Britain" spricht an einer wundervollen Stelle von dem Eindruck, der ihn auf allen seinen Reisen und überall begleitet hat, von seinem Gefühl von der Grossartigkeit der englischen Rasse, welche in klar absehbarer Zeit die Erde beherrschen werde. . . . Das jüdische Volk will nicht die Erde beherrschen, sondern sich selbst wiederfinden und den abgerissenen Faden der Geschichte wieder aufnehmen, um weiter auszugestalten das jüdische Ideal von Freiheit und Gerechtigkeit, sich selbst zum Nutzen und den Völkern zum Beispiel. Wir, die wir das Neu-Erwachen des jüdischen Volkes miterleben und an seinem Werdegang mitarbeiten dürfen, sollten uns freuen, dass wir in diese Zeit gesetzt worden sind, und sollten mit bauen helfen, jeder nach seiner besten Kratt, an diesem werdenden „grösseren Judentum"! UEBER DIE KULTUR Referat von Achad Ha am, erstattet auf der allrussischen Zionisten-Konferenz in Minsk. Jedesmal, wenn ich auf die Kultur zu sprechen komme, überfällt mich ein Gefühl peinlicher Befangenheit Ich habe den Eindruck, als ob man die klarsten und einfachsten Sachen nur deshalb unklar und Ter wickelt macht, weil man zu viel über sie spricht. Es wurde z. B. die Frage der Kultur so weit und breit erörtert, dass es kaum möglich wäre, etwas Neues hinzuzufügen. Steht sie aber noch immer auf der Tagesordnung, so ist es ein Beweis dafür, dass um dieses grosse Wort, das schönste im menschlichen Lexikon, ein Nebel verhängt ist, den zu lichten eine Pflicht ist. Ich will demnach auch keine neuen Gedanken in diese Frage hineinbringen, denn sie bedarf derer nicht; ich möchte nur darauf, was bis jetzt übersehen worden war, aufmerksam machen. Es ist kein Zufall, dass die Kulturfrage zu einer Zeit mit dem politischen Zionismus entstanden ist. Denn einen Zionismus, so einen einfachen, ohne Eigenschaftswort gab es ja auch früher. Ich will an dieser Stelle die Frage, inwiefern dieser einfache, primär aufgefasste Zionismus vom politischen abweicht, nicht definieren, eines aber steht fest: damals gab es keine Kulturfrage. Die Aufgabe jenes Zionismus bestand hauptsächlich darin, das jüdische Volk in Verhältnisse zu versetzen, die ihm eine freie, allseitige Entwickelung seiner nationalen Individualität gewähren konnte. Es war auch dabei ganz selbstverständlich, dass die Zionisten für die Kultur, und zwar für die jüdische Kultur des Volkes, Sorge tragen sollten. Ich werde dabei nur auf einen Verein in Warschau hinweisen, der zu gleicher Zeit eine Kolonie in Palästina, einen Mustercheder in Warschau errichtet und eine Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Litteratur ins Leben gerufen hat. Es schien allen ganz einfach. Denn man verstand* dass ein Volk, das an der Besserung der

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