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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 651 - 652

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Ein russisch-jüdischer Kongress
Date
1902-10-01
Page
Seite 651 - 652 (sequence 2)
Language
German
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651 Davis Trietsch: Ein russisch-jüdischer Kongress. 652 die russische und russisch-jüdische Presse hatte fast 50 Vertreter gesandt, und auch unter den vielen Hunderten, welche als Gäste dem Kongress beiwohnten, waren viele von weither gekommen. Der Sitzungssaal bot ein eigentümliches Bild. Ein grosser Ernst lag über dieser Versammlung von Juden, deren Mehrzahl die Kenntnis von parlamentarischer Ordnung und Gebräuchen nicht mitgebracht hatte, sich aber schnell aneignete, um die kostbare Zeit aufs beste zu nützen. Und die Zuhörer: so gedrängt haben nicht oft Gäste in einer Versammlung gesessen und gestanden, und um die Einlasskarten war eine Aufregung, die man gesehen haben muss. Auch Zaungäste waren da — jedes der grossen Saalfenster gab fünf oder sechs Menschen Gelegenheit, von draussen über die Fensterbrüstung gelehnt, den Vorgängen zu folgen, ued wenn die Fenster gegen Abend geschlossen werden mussten, so gab es fast an jedem einen Kampf. Die Atmosphäre im Saal war bei der Tageshitze und der mangelhaften Ventilation recht bösartig. Jom-Kippur in der Synagoge wäre ein Vergleich, aber die Verhandlungen erstreckten sich über sechs Tage, und jeder Tag mit seinen endlosen Sitzungen rechnete für zwei. Mit tausend Heiserkeiten und Erkältungen ist die Wirkung des Kongresses auf den Gesundheitszustand seiner Besucher sicher zu niedrig eingeschätzt. Auch die Gruppierung der Delegierten war eigentümlich. Was auf keinem der bisherigen Zionistenkongresse und noch weniger bei den Beratungen irgend welcher anderen jüdischen Körperschaft zu sehen war, hatte man hier durchgeführt: eine Gruppierung nach Parteien. Rechts die Orthodoxie, links die demokratische Fraktion, ein Centrum und die „Wilden". Die Referate und Reden, sowie Diskussionen wirkten vorzüglich. Dafür sorgte der Ernst der Verhandlungen und die Auswahl der Diskussions-Redner, die sich fast bei jeder Frage als notwendig erwies. So hatten sich zur Kulturdebatte 127 Redner gemeldet. Was war zu machen? Die 127 zogen sich zu einer Beratung zurück, es wurden 8 Generalredner gewählt, und die anderen hatten zu verzichten und konnten es auch mit Ruhe thun, da sie ihre Interessen in die besten Hände gelegt hatten. Die Beschlüsse des Kongresses waren von grosser Bedeutung für die jüdische Bewegung in Russland und werden sich durch das Uebergewicht der russischen Juden in der allgemeinen zionistischen Bewegung auch in der künftigen Politik der allgemeinen Kongresse äussern, die durch ihre Internationalität nicht besser, sondern schlechter geeignet sind, über die wichtigsten Fragen so zu entscheiden, wie es für die Bedürfnisse der grossen Mehrheit des jüdischen Volkes not thut. Die örtliche Entfernung der Ostjuden von Kongress-Städten, wie Basel und London, sowie die grosse Armut der grossen jüdischen Masse haben zur Folge gehabt, dass über die Fragen der Judenheit des Ostens beraten und entschieden wurde von einer Mehrheit von Juden aus den Westländern, von welchen nur die allerwenigsten von . den Bedürfnissen der jüdischen Masse einen Begriff haben. — Der Minsker Kongress hat in Russland nicht nur das Interesse an der jüdischen Frage bedeutend gesteigert, sondern auch den russischen Delegierten die Geschlossenheit gegeben, durch welche sie künftig auf den internationalen Kongressen mehr als je die Entscheidungen in der Hand haben werden. Und das wird gut sein. — Vornehmlich wurden wichtige Beschlüsse gefasst in Bezug auf das Verhältnis zwischen der Orthodoxie und den radikalen Elementen, besonders hinsichtlich der kulturellen Aufgaben, über welche in diesen beiden Lagern die Ansichten sehr verschiedene sein mussten. Dann aber wurden auch mit Bezug auf Palästina und die Kolonisationsthätigkeit daselbst durch das Zusammengehen mit den Kolonisations-Vereinen und durch die Beschlüsse, welche auf sofortige Landkäufe in Palästina hinzielten, grundlegende Aenderungen in das bisherige System des unthätigen Wartens gebracht. Mehr aber noch als durch die Art, wie die Kongressdelegierten diese Verhandlungen führten, machten die russischen Juden ausserhalb des Kongresses Eindruck auf mich. Ich kenne unsere osteuropäischen Brüder von vielen Ländern und Städten her. Ich habe sie in den Judenvierteln New-Yorks und Londons, in den Städten und Kolonien Palästinas und anderwärts im Osten gesehen, ich bin ihnen auf allen Landstrassen Europas begegnet und habe sie in Rumänien und Galizien aufgesucht — aber niemals habe ich die Einheit des Blutes, die Grossartigkeit und Ewigkeit unserer Gemeinschaft so tief empfunden, als da in Russland in den Provinzen, die fast als die zweite gemeinsame Heimat der Mehrheit unseres Volkes gelten können, von wo sie ein zweites Mal sich in alle Länder zerstreut haben. — Schon

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