Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Psisgge sr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von DAVIS TRI ETSCH und LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 10 Oktober 1902 Dieses Heft erscheint der Feiertage halber verspätet. II. Jahrg. EIN RUSSISCH-JUEDISCHER KONGRESS. Von Davis Trietsch. Zu Anfang des Monats September hat in Minsk eine Versammlung von Vertretern der russischen Judenheit stattgefunden, die eine solche Fülle von imposanten und denkwürdigen Erscheinungen bot, dass ich es versuchen will, im folgenden von den gewonnenen Eindrücken und von den Stimmungen, die mich dort bewegten, einiges wiederzugeben. Zunächst ein paar Worte über die Veranstaltung selbst, welche den Anlass zu meiner Reise gab: Nach der genauen Bezeichnung war die Veranstaltung der erste all-russische Zionistenkongress, aber der genauere Name giebt wohl für die Mehrzahl der Leser ein falsches Bild. Zunächst ist alles, was zionistisch genannt wrird, geeignet, unzutreffende Vorstellungen zu erwecken. Man denkt an einen utopischen Judenstaat in Palästina, und hat die Sache damit abgethan. Aber nicht das ist Zionismus. Zionismus ist eine mangelhafte Bezeichnung, für die man freilich eine bessere bis zur Zeit noch nicht gefunden oder doch noch nicht allgemein acceptiert hat. Man wird vielleicht dafür zu setzen haben „Jüdische Renaissance-Bewegung", oder bessernoch „Jüdische Bewegung" schlechthin. In jedem Falle ist die zionistische Idee nichts Enges und nicht eine Teilbewegung im Judentum, sondern umfasst die ganze Judenheit und jedes jüdische Streben. Der mangelhafte Ausdruck schliesst in sich alles, was auf jüdische Solidarität, alles was auf die soziale und kulturelle Hebung des jüdischen Volkes, aut eine Stärkung der jüdischen Position in allen Ländern und auf Schaffung eines nationalen Kerns in der alten Judenheimat hinzielt. Es kann nicht nachdrücklich genug darauf hingewiesen werden, dass die Ueberführung eines Teiles der jüdischen Nation nach Palästina zu unrecht als „das" Ziel der zionistischen Bewegung betrachtet wird, und auch, dass die Identifizierung der zionistischen Bewegung oder Idee und der zionistischen Partei ein Unrecht gegenüber der ersteren bedeutet. Das Streben nach Einheit, Stärke und Fortschritt im Judentum ist sicher etwas, wofür jeder Jude gewonnen werden kann und muss, und kein Ernsthafter unter uns sollte sich durch eine schiefe oder schlechte Bezeichnung von einer geraden und guten Sache abhalten lassen, und dass thatsächlich unter Zionismus die Summe aller jüdischen Aufgaben zu verstehen ist, dafür hat der Minsker Kongress einen neuen und vollgültigen Beweis abgegeben. Es soll hier nicht versucht werden, eine Uebersicht über die Einzelheiten des Kongresses zu geben. Er war wirklich ein all-russischer Kongress, zu dem aus allen Teilen des weiten Reiches nahezu 500 Delegierte erschienen waren,