Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- [Illustration]
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 585 - 586 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- illustration document
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583900-2586033--02017-2586099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5S5 586 LESSE R URY. LESSER URY'S LANDSCHAFTEN. Von G. Kulna. Es giebt Stunden überfeiner Reizbarkeit, in denen unser ganzes Empfindungsleben zu steter Vibration gespannt ist. Den zartesten Eindrücken gegenüber reagieren wir mit erhöhter Sensibilität, wir sind empfindsam für den leisesten Reiz, der in der Empfindung noch weit über Grösse und Intensität der ursächlichen Kraftgrösse hinaus anwächst. Und wo die Empfindung dem Reize nicht konform ist, da entsteht Feindschaft zwischen dem Ich und seiner einwirkenden Umgebung, je höher die Empfindungsstärke, desto grösser „die Tücke des Objekts". Das sind Stunden, in denen man sich gegen alles aufbäumt, und sei es auch Unschuld, oder sich darunter wehe krümmt, sei es auch Liebe. Alles scheint klein geworden, dürre und verwachsen. Die Menschen scheinen schlecht und schleichend, im Lachen sieht man Grinsen, im Glück nur Dummheit, die Freundschaft wird zur Schwüle, und alles Licht scheint aufdringlich polternd. Und solche Stimmung verlangt sich zu entladen, man zerschmettert etwasKein Glas oder — ein Glück. Und es giebt Menschen, deren Leben aus solchen Stunden besieht. Menschen, die „nicht ins Leben hineinpassen", die sich mit der Wirklichkeit nicht verstehen können, weil in ihrer inneren Verfassung etwas geworden, das nicht auf diesen Einklang zu stimmen ist. In der Geschichte ihrer Entwicklung sind sie abgelockt wTorden von den gebahnten Wegen der Reize und Empfindungen — zur Tiefe oder zur Höhe, zu wildem Taumel oder stillen Schatten und einsamen Farben. Nun ist ihre Struktur diesen Reizen angepasst. Das sind die Menschen mit der Sehnsucht nach dem Unberührten; sie mögen nur verhülltem, heimlichem Klange lauschen und leise prickelnde Düfte schlürfen auf ihren bleichen Blütenfeldern. Und kommt das Leben und spricht zu ihnen und will, dass sie antworten, dann müssen sie Nein sagen, und dieses Nein verdichtet sich zum Weheschrei oder zur Blässe. Denn wer das Leben verneint, muss ihm tiefe Sühne geben. Das Leben entschwindet ihm, und seinem Wesen Lachen und Gehalt. Nun schaut er verlangend aus und darf sich nicht sagen, wonach er verlangt. Denn das Leben ist Güte, und wer Güte verschmäht, dem kommt die Sehnsucht; verschämte, trauernde Sehnsucht, weil sie Reue ist. Dies sind die Gestalten.